Donnerstag, 25. Dezember 2014

Die Reise des Kriegers Said - Episode 8: In Liebe geboren und geborgen



Said sah Elvedin schon kaum mehr, so schnell war er in der Dunkelheit verschwunden.
Was war dort hinten nur los?
Als Elvedin nicht mehr zurückkam, machte Said sich auf um nachzuschauen, was dort los war. Er griff nach seinem Stock und machte sich auf den Weg durch die Dunkelheit. Auf dem ersten Stück wurde er noch vom Schein des Lagerfeuers begleitet, dann umfing ihn Dunkelheit. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, um nicht zu straucheln. Als er das erleuchtete Zelt erreichte, war das aufgeregte Geschrei von vorhin vorbei.
Eine Frau mit großen dunklen Augen öffnete ihm den Zelteingang und ging hinaus.
„Komm herein, Said!“
Er trat ein, und in der Mitte des Zeltes sah er, umgeben von Packstücken, Elvedin zusammen mit einer Frau, das musste Anwar sein.
„Said, schau, gerade wurde mein Sohn geboren.“
Er deutete auf das winzige Bündel Leben, das Anwar in den Armen hielt.
„Ist das nicht wunderbar?“
Said konnte gar nichts sagen, so angerührt war von diesem Anblick. Er sah die kleinen Hände, die kleinen Augen, das sich räkelnde kleine Wesen und die Eltern, die ihren Sohn staunend betrachteten. Von diesen Dreien schien ein Schein auszugehen, der alles darum herum verzauberte.
Er ließ sich neben Elvedin nieder und betrachtete still das Wunder dieser Nacht.
Als er seine Sinne wieder beisammen hatte und seine Gedanken wieder sortieren konnte, fragte er:
„Aber wieso hier? Weshalb bist du mit deiner hochschwangeren Frau nicht zu Hause geblieben, sondern hast dich mit ihr auf diese beschwerliche Reise gemacht?“
„Ich hatte vorhin angefangen zu erzählen, wie unmöglich unsere Beziehung für unsere Familien ist. Wir haben versucht uns in die Wünsche unserer Familien zu fügen, aber es ging nicht, die Liebe zwischen uns war zu stark um sie zu ignorieren. Schließlich haben wir heimlich geheiratet, weil wir dachten, das würde die Gemüter besänftigen – aber genau das Gegenteil war der Fall. Eine Zeit lang konnten wir Anwars Schwangerschaft verheimlichen, doch als es zu offensichtlich wurde, mussten wir fliehen – sie hätten sie und das Kind sonst umgebracht.“
„Liebe lässt sich nicht vorschreiben, wohin sie zu fallen hat“, ertönte Anwars glockenhelle Stimme. „Wir haben versucht sie zu ignorieren, weil sie uns beide in große Bedrängnis gestürzt hat. Wir haben versucht sie zu verleugnen, unsere Augen auf andere potenzielle Partner zu werfen – es hat nicht funktioniert. Das Band zwischen uns ist so stark als würden wir uns seit einer halben Ewigkeit kennen, und es wird immer stärker. Liebe lässt sich nicht vorschreiben, wohin sie zu gehen hat. Liebe ist einfach. Und Liebe bleibt.“
„Das ist eine wundersame Geschichte, die ihr hier erzählt“, sagte Said. „Ich verstehe wohl, dass es Kräfte gibt, die so stark sind, um Menschen aneinander oder an einen bestimmten Weg zu binden.“
Anwar nickte. „Die gibt es zweifelsohne. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass jeder Mensch irgendwann im Leben seine große Liebe trifft, sei es die Liebe zu einem bestimmten Menschen, einer bestimmten Tätigkeit oder zu einem bestimmten Ort. Und in dieser Liebe erhalten wir Zugang zum göttlichen Urgrund des Lebens, der durch alles hindurch scheint – uns fehlt nur manchmal die Sensibilität um das wahrzunehmen.“
Nachdem alles gesagt war, versanken sie in Stille. Und während Said das Paar mit dem Kind betrachtete, das friedlich eingeschlafen war, dachte er bei sich: „Die ganze Welt in einem Zelt: All das Drama, all die Katastrophen, die Ausweglosigkeit – aber auch all die Liebe, die Hoffnung, das aufblühende Leben.“ Bei diesen Gedanken fielen ihm die Augen zu.

The Journey of the Warrior Said - Episode 8: Being born and feeling secure in love



Said barely could follow Elvedin with his eyes, so fast has he vanished in the dark.
What was happening there in the back?
As Elvedin didn’t come back, Said headed off to look what was on there. He reached for his stick and made a move through the darkness. On the first part he was accompanied of the shine of the camp fire, then he was surrounded with darkness. Carefully he moved one foot forward, then the other one for not stumbling. As he reached the enlightened tent the exited clamour has vanished.
A woman with big dark eyes opened the tent for him and stepped outwards.
“Come in, Said!”
He stepped in and in the middle of the tent he saw, surrounded of packages, Elvedin together with a woman, he guessed that was Anwar.
“Said, look, my son just has been born.”
He pointed to the tiny bundle of life that carried Anwar in her arms.
“Isn’t it marvellous?”
Said couldn’t sing anything, so moved was he from this view. He saw the little hands, the little eyes, the lolling little being and the parents who looked wondering upon their son. From these three seemed to emanate a glance that enchanted everything around them.
He took a seat beneath Elvedin and contemplated silently the wonder of that night.
As he recollected his senses and arranged his thoughts, he asked:
“But why here? Why didn’t you stay with your heavily pregnant woman at home, but headed off for this troublesome journey?”
“Earlier I started to tell you the story of how impossible our relationship is for our families. We tried to obey to the wishes of our families but that didn’t work, the love between us was to strong to ignore it. Finally we married secretly because we thought that would put oil on troubled waters – but just the opposite was the case. For a time we could hide Anwar’s pregnancy, but as it became too obvious we had to flee – otherwise they had killed her and the child.”
“You cannot dictate to love where it has to fall”, Anwar’s bell-like voice sounded. “We tried to ignore it, because it brought us both into desperate straits. We tried to deny it, to set eyes upon other potential partners – it didn’t work. The bonding between us is as strong as we would know each other since the year dot, and it became stronger and stronger. You cannot dictate to love where it has to go. Love simply is. And love stays.”
„That is a wonderous story that you tell here“, Said said. “I understand well that there are forces that are strong enough to bind men to each other or to a certain path.”
Anwar nodded. “Unquestionably they exist. I’d even go so far as to say that every man somehow in life meets his great love, be it the love to a certain human, a certain activity or to a certain place. And in this love we gain access to the divine primal ground of life that shines through everything – it lacks us only sometimes the sensitivity to perceive it.”
After everything has been said, they fell into silence. And while Said regarded the pair with the child, that fell peacefully asleep, he thought to himself: “The whole world in a tent: All the drama, all the catastrophes, the despair – but even all the love, the hope, the flourishing life. “ With these thoughts he fell asleep.

Sonntag, 21. Dezember 2014

Die Reise des Kriegers Said - Episode 7: Die Herausforderung



„Weshalb bist du nicht bei Fouad geblieben, wenn eure Verbindung doch so stark ist?“
„Mich als nichtsnutzigen Krüppel bei Hofe durchfüttern lassen? Nein, das ist nichts für mich. Ich brauche eine Aufgabe, eine sinnvolle Aufgabe, und nach jenem Attentat saß ich nur noch im Palast herum und die Tage wurden mir lang. Eine Zeit lang tat es mir gut so umsorgt zu werden, aber irgendwann konnte ich die mitleidsvollen Blicke nicht mehr ertragen – so konnte ich einfach nicht weiterleben. Daher beschloss ich Alban Eilir zu verlassen als meine Kräfte so weit zurückgekehrt waren, dass ich wieder einigermaßen von der Stelle kam.“
„Und Fouad hat dich einfach ziehen lassen?“
„Nein, ganz und gar nicht. Er hat bis heute nicht verstanden, dass meine Entscheidung zum Aufbruch keine Entscheidung gegen ihn war, sondern eine Entscheidung für mich. Ich hatte mich einst entschieden, mein Leben an seiner Seite zu verbringen und sein Leben und  seinen Ruf zu schützen. Doch die Umstände machten mir das nun unmöglich. Ich war ein Teil seines Lebens gewesen, er aber nicht wirklich ein Teil des meinigen. Er hatte nie begriffen, was es bedeutete, ein Krieger von At-Ta’ir zu sein und Entscheidungen von solcher Tragweite und Verbindlichkeit zu treffen.“
„Und was ist mit deiner Entscheidung an seiner Seite zu sein?“
„Das war eine einseitige Entscheidung. Ich hatte mich für ihn entschieden, er sich aber nicht für mich. Und deshalb musste ich gehen, insbesondere nach dieser kritischen Situation. Als Partner auf Augenhöhe hätte ich vielleicht bleiben können, das Leben verändert sich, das steht man durch. Aber ich konnte nicht bleiben als einer, der irgendwie einfach zum Inventar dazugehörte. Ja, Fouad hatte mich liebgewonnen, er war es gewohnt, dass ich da war und irgendwie funktionierte – aber er hatte sich nie dafür entschieden, ein wichtiger Teil meines Lebens sein zu wollen, und deshalb musste ich gehen.“
„Ich verstehe.“
„Es war für mich eine wichtige Entscheidung, Alban Eilir zu verlassen. Doch diese Entscheidung liegt nun hinter mir. Jetzt bin ich hier und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Mein Traum, meine Eide an der Seite von Fouad zu erfüllen, ist zerbrochen. Wer weiß, ob ich überhaupt je wieder in gewohnter Weise arbeiten kann? Genauso wie früher sicher nicht. Wie soll ich jetzt leben? Wohin gehen, nachdem mich mein Pfad schon so weit weggeführt hat von seinem geplanten Kurs? Ich sehe die vielen Sterne am Himmel, aber sie erscheinen mir alle gleich fern, gleich hell, gleich wichtig. Welchem soll ich nur folgen?“
„Said, Anwar und ich waren vor einiger Zeit in einer ganz ähnlichen Situation.“
„Anwar?“
„Meiner wunderbare Frau.“
„Du Gesegneter!“
„Ja, das bin ich wahrhaftig. Unsere Verbindung wurde von Vielen nicht gut geheißen, und da mussten wir…“

Auf einmal erhob sich im Hintergrund beim Zelt der Frauen wildes Geschrei.
„Elvedin!“, rief eine Frauenstimme, „komm schnell her!“

The Journey of the Warrior Said - Episode 7: The challenge



“So why you didn’t remained with Fouad when your connection is that strong?”
“To live off as a naughty cripple at court? No, that’s not for me! I need a task, a meaningful assignment, and after the assassination I only sat in the palace and the days became long for me. For a certain time it did well for me to be cared for like that, but some day I could no longer bear the pitiful looks – I couldn’t live on like that. Because of that I decided to leave Alban Eilir as my strength returned thus far that I could fairly move a bit.”
“And Fouad let you simply go?”
“No, not at all. Down to the present day he didn’t understand that my decision to leave was no decision against him, but a decision for myself. Once I had decided to pass my life at his side and to take care for his life and his reputation. But the circumstances made that now impossible for me. I’ve been a part of his life, but he hadn’t been a part of mine. He never understood what it meant to be a warrior of At-Ta’ir and to make decisions of such momentousness and liability.”
“And what is with your decision to stay at his side?”
“That was a one-sided decision. I decided in favour of him, but he not of me. And because of that I had to go, especially after that critical situation. As a partner on eye level I perhaps may have stayed, life changes, you can go through this. But I couldn’t stay at on who somehow is a fixture. Yes, Fouad became fond of me, he was used that I have been there, that I operated somehow – but he never decided to want to become an important part of my life, and because of that I had to leave.”
“I see.”
“It was an important decision for me to leave Alban Eilir. But that decision trailed me now. Now I am here and don’t know how to move on. My dream to fulfil my oaths at Fouad’s side is broken. Who knows if I’ll ever be able to work in accustomed manner? Surely not exactly like it used to be. How shall I live now? Where to go after my path had led me so far away from its planned course? I see many stars at the sky; they all seem equally far, equally bright, equally important to me. Which one shall I follow now?”
„Said, some time ago, Anwar and I were in a similar situation.“
“Anwar?”
“My charming wife.”
“You blessed one!”
“Yes, I truly am. Our relationship wasn’t approved of many, and because of that we had to…”

Suddenly there clamoured somebody furiously in the background at the tent of the women.
“Elvedin!”, a female voice shouted, “hurry up, come here!”

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Die Reise des Kriegers Said - Episode 6: Schatten der Vergangenheit



„Aber wieso bist du nicht mehr an der Seite von Fouad, wenn eure Verbindung so einzigartig ist?“ Elvedins Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
„Unsere Verbindung ist nicht abgerissen, das ist nicht der Punkt. Eines Tages sind wir in einen Hinterhalt geraten, das war eine ganz üble Geschichte, eine Intrige. Wir haben uns gar nicht schlecht geschlagen und konnten unseren Verfolgern zunächst auch entkommen. Wir rannten durch den Wald, kreuz und quer durchs Dickicht, aber unsere Verfolger waren im Vorteil, weil sie sich dort einfach besser auskannten. Irgendwann hatten sie uns aufgespürt und kamen uns gefährlich nahe. Sie schossen Pfeile ab, und einer davon hätte Fouad um ein Haar erwischt, wenn ich ihn nicht mit dem Fuß abgefangen hätte. Er prallte aber nicht an meinem Fuß ab, sondern er durchbohrte ihn und nagelte meinen Fuß auf dem Erdboden fest. Ich kam nicht mehr von der Stelle. Ich hatte die Entscheidung getroffen, Fouad mit meinem Fuß den Pfeil vom Leib zu halten und damit sein Leben zu retten. Nun musste ich eine weitere Entscheidung treffen: Wenn ich nichts tat oder auf der Stelle kämpfte, würde es uns sicher das Leben kosten, unsere Verfolger waren schon ganz nahe – wenn ich diesen Angriff allerdings überlebte, konnte ich so vielleicht meinen Fuß und meine Arbeitskraft retten. Wenn ich den Pfeil aber mit Gewalt herauszog, konnte ich vielleicht mein Leben retten, würde aber wohl für den Rest meines Lebens ein Krüppel bleiben. Ich entschied mich für Letzteres.“
„Um Himmels willen! Du musst ja wahnsinnige Schmerzen gehabt haben!“
„Ja, die hatte ich. Doch auch darauf wurden wir in At-Ta’ir trainiert: Uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und das bedeutet manchmal eben auch Schmerzen zu ertrage, oder wie in diesem Fall starke Schmerzen. Nachdem ich den Pfeil herausgezogen hatte, sammelte ich all meine Sinne wieder ein und konzentrierte mich darauf, Fouad aus der Gefahrenzone zu bringen. Das Glück war uns hold, denn nach einem kurzen Wegstück stolperten wir über eine gut getarnte Höhle, die unsere Verfolger wohl nicht kannten und konnten uns dort verstecken, bis die Palastwache zu unserer Verstärkung eintraf. Als die Männer da waren und ich die alleinige Verantwortung für Fouads Sicherheit abgeben konnte, brach ich zusammen – ich weiß nicht mehr, wie ich in unser Lager gekommen bin, sie müssen mich getragen haben.“
„Said, du bist ein mutiger Mann.“
„Mutig oder todesmutig? Denn meine Entscheidung hatte weitreichende Konsequenzen: Mein Fuß war nachhaltig geschädigt und heilte nur sehr langsam, du siehst, auch jetzt kann ich ohne Stock kaum drei Schritte gehen. Das bedeutet auch, dass ich meine Aufgabe als Fouads Leibwächter nicht mehr erfüllen kann und von Nabil von meinem Eid entbunden wurde.“
„Würdest du dich wieder so entscheiden?“
„Ja.“

The Journey of the Warrior Said - Episode 6: Shadows of the Past



„But why are you no longer at the side of Fouad if your connection is so unique?” He was ripped by Elvedin’s voice out of his thoughts.
„Our connection never broke off, that is not the point. One day we got into an ambush, which was really a bad thing, an intrigue. We put up a good fight and could escape our chasers at first. We ran through the woods every which way through the undergrowth, but our chasers were in advantage because they were better versed there. Eventually they had traced us and came dangerously near. They shot arrows, and one of them had caught Fouad within a hair’s breadth, if I hadn’t absorbed it with my foot. However it didn’t rebound of my foot, but it pierced it and nailed my foot down to the ground. I couldn’t get any place. I made the decision to keep the arrow out of Fouad’s hair and to save his life with that. Now I had to make another decision: If I didn’t do anything or fought from where I stood that would surely cost our lives, our chasers were already quite near – if I indeed survived this assault I could save this way perhaps my foot and my manpower. But if I extricated the arrow by force I could perhaps save my life, but would probably stay for the rest of my life a cripple. I decided to do the latter.”
“For heaven’s sake! You must have had blinding agony!”
“Yes, that’s true. But even for that we have been trained in At-Ta’ir: To concentrate to the essential. And that means sometimes to abide pain, or like in that case huge pain. After I had extricated the arrow, I garnered again my senses and concentrated on bringing Fouad out of the danger zone. Fortune favoured us, because after a short part of the way we stumbled into a well camouflaged cave – our chasers seemed not to know it and so we could hide there till the palace guard came to our reinforcement. As the men came by and I could cede the sole responsibility for Fouad’s safety I collapsed – I don’t know anymore how I came into our camp, they must have carried me.”
“Said, you are a brave man.”
“Brave or undaunted by death? Since my decision had sweeping consequences: My foot was deeply damaged and healed only at a very slow pace, you see, even now without my stick I barely can go three steps. That means, too, that I can no longer fulfil my assignment as Fouad’s bodyguard and I was released by Nabil from my oath.”
“Would you decide this way for a second time?”
“Yes, I would.”

Samstag, 13. Dezember 2014

Die Reise des Kriegers Said - Episode 5: Die Suche nach dem Ziel



Said schwieg und hing seinen Gedanken nach. Seine Zeit als Fouads Leibwächter war wahrlich eine gute Zeit gewesen. Oft auch eine schwierige Zeit, aber eine gute Zeit. Es hatte viele Herausforderungen gegeben, unübersichtliche Situationen, Intrigen, Anschläge auf Fouads Leben. Aber seine Aufgabe Fouad um jeden Preis zu schützen hatte ihn erfüllt, und die besondere Verbindung zwischen ihnen hatte es Attentätern unmöglich gemacht ihn zu töten. Anfangs war ihnen das schon unheimlich gewesen, aber Said hatte in At-Ta’ir davon gehört, dass es in seltenen Fällen möglich war, dass sich zwei Seelen so eng verbanden, dass die eine spürte, was die andere empfand, auch wenn sie räumlich weit entfernt voneinander waren. In At-Ta’ir hatte er sich gewünscht solch eine Seele zu treffen, aber als er sie dann traf hatte es sie zunächst beide überfordert. Denn es bedeutete nie wirklich allein zu sein und, bisweilen unerwartet, die Empfindungen eines Anderen wie die eigenen zu spüren. Doch mit der Zeit hatten sie sich daran gewöhnt, und diese Verbindung zwischen ihnen war seither Fouads Lebensversicherung gewesen.
Said seufzte.
Sie war es gewesen, bis Nabil ihn von seinem Eid entbunden hatte. Die Erfüllung des Eides hatte ihm eine Richtung, ein Ziel, ein Zuhause gegeben – doch wo sollte er ohne diese Verpflichtung hin? Sein Leben erschien ihm mit einem Mal so arm, so ziellos, so inspirationslos – „wo wird einst des Wandermüden letzte Ruhestätte sein?“ sollte später ein Dichter schreiben. Genauso fühlte er sich: rastlos und dennoch müde vom Wandern und der Ruhelosigkeit seiner Seele, nicht ahnend wo ihn sein Weg hinführen und wo seine letzte Ruhestätte sein würde.


Wo wird einst des Wandermüden
letzte Ruhestätte sein?
Unter Palmen in dem Süden?
Unter Linden an dem Rhein?

Werd' ich wo in einer Wüste
eingescharrt von fremder Hand?
Oder ruh' ich an der Küste
eines Meeres in dem Sand?

Immerhin mich wird umgeben
Gottes Himmel dort wie hier,
und als Totenlampen schweben
nachts die Sterne über mir.

Heinrich Heine

The Journey of the Warrior Said - Episode 5: The Search for the Aim



Said kept quiet and dwelled on thoughts. His times as Fouad’s bodyguard have been really good times. Often even testing times, but good times. There have been many challenges, confusing situations, intrigues and assaults on Fouads life. But his assignment to defend Fouad at any price has suffused him, and the special connection between them had made it impossible for assassinators to kill him. At first that was in fact creepy for them, but in At-Ta’ir Said heard that in rare cases it was possible for two souls to intertwine so tight that one of them sensed what the other one felt, even if they were spatial far away from each other. In At-Ta’ir he wished to meet such a soul, but when he met it for real it was overchallenging for the both of them. Because that meant never to be really alone and, at times unexpected, to sense the feelings of another one like the own ones. But with the time they got used to it, and the connection between them both has since then been Fouad’s life insurance.
Said groaned.
It has been so until Nabil released him from his oath. The fulfilment of the oath had given to him a direction, an aim, a home – but where should he go without that obligation? His life seemed to him all of a sudden so poor, so aimless, so inspirationless – “where some day will be the last resting place of the one who is tired from wandering?” – should later write a poet. All the same he felt: restless and tired from Wandering and the restlessness of his soul, not suspecting where his path would lead him and where his last resting place would be.



Where some day will bet the last resting place
of the one who is tired from wandering?
Under palm trees in the South?
Under lime trees at the Rhine?

Will I somewhere in the desert
embedded from a foreign hand?
Or lie I at the coast
of an ocean in the sand?

After all I’ll be sourrounded
from God’s heaven here and there,
and as lamps for the death hover
the stars at night over me.

Heinrich Heine

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Die Reise des Kriegers Said - Episode 4: Das Ziel des Krieger



„Also schön, junger Elvedin“, sagte Said. „Dann höre die Geschichte eines alten Mannes.“
„So alt bist du nun auch wieder nicht“, entgegnete dieser.
„Aber ich fühle mich wie ein Greis, und in der Zeit, von der ich dir erzählen will, war ich wirklich jung. Also hör zu: Kurz nachdem ich in dieses für mich fremde und zunächst unwirtliche Land gekommen war, war ich nach At-Ta’ir gelangt, wo ich zum Krieger ausgebildet wurde. Es war eine harte Ausbildung, und so mancher der Kameraden, die mit mir angefangen hatten, gab unterwegs auf. Wir waren eine feste Gemeinschaft und achteten unsere Lehrer, die uns nicht nur in Kampftechniken, sondern auch in Musik, Philosophie, Konversation und handwerklichen Techniken unterrichteten.“
„Ich habe gehört, At-Ta’ir soll eine riesige Bibliothek besitzen. Ist das wahr?“
„Die größte, die ich je gesehen habe, man konnte sich wahrlich in ihr verlaufen.  Nachdem unsere Lehrzeit und unsere Abschlussprüfung beendet waren, wurden wir in die Welt hinaus geschickt. Bereits während unserer Ausbildung kamen immer wieder Abgesandte der hohen Häuser vorbei um unsere Fortschritte zu sehen und unsere Eignung für ihre Bedürfnisse zu prüfen. Da ich einer der Besten war, hatte Nabil höchst selbst ein Auge auf mich geworfen, er wohnte sogar meiner Abschlussprüfung bei.“
„Was war das für eine Prüfung?“
„Das kann ich dir leider nicht sagen, das Geheimnis muss gewahrt bleiben.“
„Schade, aber das verstehe ich.“
„Jedenfalls nahm Nabil mich gleich nach meiner Abschlussprüfung mit nach Alban Eilir, ich sollte der Leibwächter seines Sohnes Fouad werden. Ich erinnere mich an jedes Wort des Eides, den ich Nabil in Almudena auf dem Weg nach Alban Eilir geschworen hatte: Ich schwor als Schützer des Lebens, der ich als Krieger von At-Ta’ir ohnehin war, in besonderer Weise Fouad zu schützen, seinen Ruf zu wahren und sein Leben zu schützen, wenn es sein musste mit meinem eigenen Leben. Dies schwor ich noch bevor ich Fouad je zu Gesicht bekommen hatte. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, ob Fouad ein grenzenlos verwöhntes Prinzlein sein würde, der mir meinen letzten Nerv rauben oder ob wir gut miteinander auskommen würden.
Zunächst war unsere Verbindung rein geschäftlich, auch wenn wir uns vom ersten Augenblick an sympathisch waren. Mit der Zeit lernten wir einander immer mehr zu schätzen. Irgendwann war die Verbindung zwischen uns so stark, dass ich sogar im Schlaf merkte, wenn Fouad bedroht wurde.“
„Tatsächlich? Erzähl!“
„Oh, Fouad ist eine bedeutende Persönlichkeit, da gab es so manchen, der ihm ans Leder wollte.“
„Gab? Heißt das es ist vorbei?“
„Es ist nicht mehr so schlimm wie es einmal war, aber die Gefahr ist nicht vollständig gebannt. Fouad ist nun mal kein Prinz, der in seinem Elfenbeinturm sitzt und sein Volk nur von Weitem sieht, sondern er will ein Prinz zum Anfassen sein, einer der weiß, für wen er regiert. Das ist zwar gut für sein Ansehen und seine Regierungstätigkeit, aber ein Alptraum für jeden Bodyguard. Da hat es uns die Tatsache sehr erleichtert, dass ich mich nicht nur auf meine Augen und Ohren verlassen muss, sondern dass ich aufgrund unserer engen Verbindung fühle, wenn ihm Gefahr droht. Fouad ist keiner, der sich gerne einsperren lässt, und so war es auch an diesem Abend: Er war mit Freunden zusammengewesen, denen er vertraute, und hatte sich dann zurückgezogen, mir hatte er für den Abend freigegeben. Als ich auf meinem Nachtlager lag erwachte ich auf einmal davon, dass ich den kalten Stahl einer scharfen Klinge an meiner Kehle spürte. Blitzschnell öffnete ich die Augen, doch da war niemand in meiner Kammer. „Fouad!“, durchzuckte es mich. Ich sprang auf, eilte durch den dunklen Flur zu ihm und öffnete leise die Tür seines Gemachs. Tatsächlich, er war nicht allein. Sein weißes Nachtgewand strahlte im Mondlicht, so dass ich ihn gut erkennen konnte. Hinter ihm stand eine große dunkle Gestalt, die ihn festhielt und ihm ein Messer an die Kehle hielt, ich sah sogar etwas Blut auf Fouads Nachtgewand tropfen. „Ein Wort, und ich bringe dich um“, drohte die Gestalt. Fouad schwieg, und der Dunkle war so damit beschäftigt, Fouad in die von ihm gewünschte Richtung zu schieben, dass er mich nicht bemerkte. So konnte ich mich ihm lautlos nähern und ihn überwältigen.“
„Habt ihr herausbekommen, was der Fremde von Fouad wollte?“
„Ja, er sollte Fouad entführen und zu seinem Auftraggeber bringen, dieser wollte ihm dann mit eigener Hand die Kehle durchschneiden.“
„Wie gut, dass du da warst!“
„Ja, sonst wäre Fouad wohl nicht mehr am Leben.“
„Diese Verbindung zwischen euch – war sie immer so stark?“
„Nein, sie war nicht immer gleich stark. Am stärksten war sie in Situationen, in denen wir uns besonders nahe waren oder in denen Fouad in Gefahr war.“
„Said, das ist wahrlich ein Geschenk.“
„Du sagst es, das ist es.“

The Journey of the Warrior Said - Episode 4: The Aim of the Warrior



“All right, young Elvedin”, said Said. “Then listen to the story of an old man.”
“You’re not as old as all that”, replied that one.
“But I feel like an old man, and in the time from which one I want to tell you I was really young. Listen: Shortly after I had arrived into that strange and inhospitable country I reached At-Ta’ir where I was trained as a warrior. It was a hard education, and quite a few of the fellows who started with me quitted on the way. We were a firm community and esteemed our teachers who taught us not only martial arts, but also music, philosophy, conversation and artisanal techniques.”
“I heard At-Ta’ir is believed to have an enormous library. Is that a fact?”
“The biggest one I ever saw, you could really get lost in it! After our apprenticeship and our final exams had finished we were sent into the world. Already during our apprenticeship frequently delegates of the high houses came over to look for our improvement and to check our applicability for their requirements. Because I have been one of the best ones Nabil in person had cast an eye on me and as a matter of fact attended my final exam.”
“What kind of exam was it?”
“I’m sorry, I can’t tell you, the secret has to be kept.”
“Regrettably! But I understand it.”
„Anyway, Nabil took me immediately after my final exam with him to Alban Eilir, I should have become the bodyguard of his son Fouad. I remember every word of the oath I have vowed to Nabil in Almudena on the way to Alban Eilir: I vowed as a custodian of life which I was as a warrior of At-Ta’ir anyway to protect the life of Fouad specifically, to maintain his reputation and to defend his life, if need be with my own life. I vowed this before I ever set eyes on Fouad. At this particular time I didn’t know if Fouad would be an immeasurably cosseted princling who would be a pain in my neck or if we’d get on well with each other. At first our connection was purely business, even if we were taken to each other from the very beginning. With the time we learned more and more to appreciate each other. By and by the connection between us was so strong that I realized even in my sleep when Fouad was threatened.”
“Indeed? Tell me!”
“Well, Fouad is an important person, there were many who wanted to kill him.”
“Were? Does it mean that it is over?”
“It is not as bad as it was, but the danger is not completely averted. Fouad isn’t a prince who sits in his ivory tower and sees his people only from afar, but he wants to be an approachable prince, one who knows for whom he reigns. That’s admittedly good for his reputation and his governing activity, but a nightmare for every bodyguard. It was eased by the circumstance that I don’t have to build only on my eyes and ears but because of our tight connection I feel when he is in danger. Fouad is no one who lets to be bolted himself in, and so it was at that evening: He has been together with friends who he trusted and then he backed down – to me he gave that evening off. As I lay on my bivouac I awakened suddenly by feeling the cold steel of a sharp blade at my throat. With lightning speed I opened my eyes, but there was nobody in my chamber. “Fouad!”, it flashed through me. I jumped to my feet, speeded through the dark hallway to him and opened quietly the door of his chamber. In fact, he was not alone. His white nightgown radiated in the moonlight, so that I could identify him clearly. Behind him stood a huge dark figure who bottled him up and held him a knife at the throat, I even saw a bit blood dripping onto Fouad’s nightgown. “One word and I’ll slay you”, threatened the figure. Fouad kept silent, and the dark one was so busy with pushing him into the wished direction that he didn’t noticed me. So I could soundlessly approach to him and overpower him.”
“Did you glean what the stranger wanted from Fouad?”
“Yes, he was supposed to kidnap Fouad and bring him to his principal ,that one wanted to slit his throat with his own hands.”
“Blessedly you were there!”
„Yes, otherwise Fouad may have lost his life.”
“That connection between you two – has it always been that strong?”
“No, it hasn’t been always equally strong. It was the strongest in situations when we were very close to each other or when Fouad was in danger.”
“Said, that is a true gift.”
“Yes, it truly is."


Montag, 8. Dezember 2014

Die Reise des Kriegers Said - Episode 3: Rast auf dem Weg



Said war den ganzen Tag auf den Beinen gewesen. Nachdem er sich am Morgen gestärkt hatte, hatte er sich so erfrischt gefühlt, dass er den ganzen Tag gewandert war und nur selten kurz gerastet hatte. Jetzt begann es schon zu dämmern und es wurde langsam Zeit, dass er sich eine Bleibe für die Nacht suchte.
Da sah er von Weitem unter ein paar Bäumen am Fluss einen hellen Schein – das sah nach einem Lagerfeuer aus. Er beschleunigte seinen Schritt, jetzt sehnte er sich wirklich nach einer Pause und freute sich darauf, sich am Feuer zu wärmen. Als er näher kam sah er, dass schon ganz unterschiedliche Gestalten um das Feuer versammelt waren, dies schien ein beliebter Rastplatz zu sein. Direkt am Feuer saßen zwei Männer mit grünen Umhängen, schweigsam wie zwei alte Hirten. Als er fragte, ob er sich zu ihnen setzen dürfe, bekam er als Antwort nur ein stummes Nicken. Er ließ sich auf einem Stein neben den beiden nieder und streckte seine müden Beine aus. Das tat gut! Er spürte, wie das Feuer seine Fußsohlen erwärmte, und während er die aufsteigende Wärme genoss, schaute er sich seinen Rastplatz genauer an: Im Hintergrund sah er ein Zelt, aus dem er leise Frauenstimmen hörte und den Schein einer Lampe sah. Ein Stück weiter brannte ein zweites Feuer, daneben tummelte sich eine Gruppe junger Männer.
Said wendete seine Aufmerksamkeit wieder dem Feuer vor ihm zu und beobachtete, wie sich der Schein der Feuer des Rastplatzes im Wasser des Flusses spiegelte. Zunächst nahm er gar nicht wahr, dass er angesprochen wurde, erst als ein Blondschopf mit nachtblauem Umhang in sein Blickfeld trat und ihm die Sicht auf den Fluss versperrte.
„Hast du Tomaten auf den Ohren?“ Er musste einer der jungen Männer vom Feuer sein.
„Nein. Ich habe einfach nur die Ruhe genossen.“
„Da hast du dir mit diesen beiden Gesellen ja die beiden Richtigen ausgesucht“, sagte er und deutete auf die beiden Männer in Grün, die sich zum Schlafen in ihre Umhänge eingerollt hatten und sich nicht mehr rührten.
„Willst du nicht mit herüber zu unserem Feuer kommen? Da geht es ein wenig lustiger zu.“
Aber Said war froh, dass er saß und lehnte ab.
„Dann warte mal, ich bin gleich wieder da.“
Während er in Richtung des anderen Feuers entschwand, schaute Said ihm nach. Er war so jung, so quirlig, so unbeschwert – er erinnerte ihn an jemanden… und war auch schon wieder da.
„Entschuldige, ich bin Elvedin ibn Ehad. Ich habe dir etwas von unserem Nusskuchen mitgebracht, der wird dich stärken.“
„Ich bin Said ibn Farrah. Du willst ihn mir schenken? Einfach so?“ Geschenke ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten waren in diesem Landstrich wahrlich selten.
„Ich habe gesehen, dass du kaum etwas bei dir trägst, außerdem siehst du hungrig aus. Nein, er ist nicht vergiftet, schau her, ich esse auch davon.“
Er brach das Stück in zwei Teile und bot ihm eines davon an. Nach kurzem Zögern griff Said zu. Elvedin hatte recht, er konnte wirklich eine Stärkung gebrauchen. Und der Kuchen war köstlich!
„Jeder von uns ist aus einem bestimmten Grund hier, niemand macht sich zu dieser Zeit zu einer Reise auf, wenn es nicht sein muss“, sagte Elvedin. „Wenn du mir unbedingt etwas als Gegenleistung geben willst, dann erzähl mir deine Geschichte.“



The Journey of the Warrior Said - Episode 3: Rest on the way



Said has been astir for the whole day. After he braced himself in the morning he felt so refreshed that he wandered the whole day long and rested only seldom for a short time. Now it began to dawn and he guessed it was time to look for a resting place for the night.
Them he saw from afar under a few trees at the river a light glow – that looked like a bonfire.
He quickened the pace, now he really wished for a break and he looked forward to bask at the fire. As he approached he saw that quite different figures were gathered around the fire that seemed to be a favoured resting place. Right next to the fire sat two men with green cloaks, silent like two old shepherds. As he asked if he may sit next to them he got only a mute nodding as an answer. He took a seat on a stone next to the two of them and stretched his weary legs out. That did him well! He felt how the fire warmed the bottoms of his feet up, and while he appreciated the soaring warmth he got a better look to his resting place: In the background he saw a tent, from there he heard low women’s voices and saw the glow of a lamp. A bit further there burned a second bonfire, besides romped about a group of young men.
Said turned his attention again to the fire in front of him and looked how the glow of the fires of the resting place was reflected in the water. At first he didn’t realise that someone has spoken to him, only as a fair head with a night blue cloak stepped into his field of vision and blocked his view of the river.
“Are you deaf?” He must have been one of the young men from the fire.
“No. I simply enjoyed the silence.”
“Then you picked with these two companions just the right ones”, he said and pointed at the two men in green who rolled themselves up into their cloaks and didn’t budge anymore.
“Don’t you want to come to our fire? It’s a bit funnier there.”
But Said was glad to sit and rejected.
“Then wait a minute, I won’t be a jiffy.”
While he vanished into the direction of the other fire, Said looked after him. He was so young, so bubbly, so unburdened – he mentioned him to somebody… and yet again was back.
“I’m sorry, I hadn’t introduced myself, I am Elvedin ibn Ehad. I brought you something of our nut cake, that will brace you.”
“I’m Said ibn Farrah. You want to give it for me as a present? Off-handedly?” Gifts without awaiting a reward were in this area really rare.
“I saw that you carry scarcely anything at your person, furthermore you look hungry. No, it’s not poisoned, look, I eat from it, too.”
He broke the piece in two parts and offered one of them to him. After a short hesitation Said grabbed it. Elvedin was right, he really could need a strengthening. And the cake was delicious!
„Each of us is here for a reason, nobody heads off for a journey in that times if he don’t has to”, Elvedin said. “If you absolutely want to give me something in return, tell me your story.”

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Die Reise des Kriegers Said - Episode 2: Wie alles begann



Er öffnete langsam die Augen.
Es war schon spät am Tag, aber wegen des Dickichts, in dem er geschlafen hatte, und wegen des verhangenen Himmels war er nicht früher erwacht. Vielleicht tat auch die letzte Nacht ihr Übriges dazu: Er hatte wahrlich nicht gut geschlafen, wirres Zeug geträumt uns sich auf den Baumwurzeln hin- und hergewälzt – er war in den letzten Jahren wahrlich luxuriösere Schlafstätten gewohnt gewesen!
Nun krabbelte er aus dem Dickicht hervor, pflückte sein Bündel und seinen Stock aus dem Blättergewirr und suchte eine offene Lichtung um ein Feuer zu machen. Mit klammen Fingern klaubte er ein wenig Laub und Holz zusammen, und nachdem er das Feuer in Gang gebracht und sich daran ein wenig die Finger gewärmt hatte, stellte er seinen Kessel darauf und goss den letzten Rest Wasser aus seiner Trinkflasche hinein. Aus den Tiefen seines Bündels brachte er eine kleine Menge wohlriechender Gewürze ans Tageslicht und gab sie zu dem Wasser im Kessel – der letzte greifbare Rest, der ihn mit dem Land verband, aus dem er einst gekommen war: Nelken – sie waren das Lieblingsgewürz seiner Mutter. Kardamom – damit hatte sein Vater seinen Kaffee gewürzt. Und Pfeffer – nie hatte ihm eine Suppe ohne Pfeffer geschmeckt. Als die Gewürzmischung im Kessel eine Weile blubbernd gekocht hatte, nahm er seinen Becher und gab eine kleine Menge Honig hinein – diese süße Versuchung hatte er erst in diesem Lande kennengelernt. Er goss den Gewürzsud darüber und sah zu, wie sich der Honig langsam auflöste. Mit dem Honig lösten sich auch die Verspannungen in seinem Kopf, und während er den Duft des würzigen Tees mit der Nase einsog, fühlte er sich an einen weiteren Ort aus seiner Vergangenheit erinnert: At-Ta’ir.
„At-Ta’ir.“ Nachdem er diesen Namen ausgesprochen hatte, schwiegen seine Gedanken lange.
Er war als junger Mann nach At-Ta’ir gekommen, kurz nach seiner Ankunft in diesem Land, das ihm zunächst kalt und unwirtlich erschienen war. In dem Winter, in dem er ankam, hatte ihm ein alter Mann den Weg dorthin gewiesen, und er hatte kurz nach seiner Ankunft dort einen Becher mit Gewürztee erhalten, um seine kalten Glieder zu erwärmen. Die genaue Zusammensetzung des Tees war ein eisern gehütetes Geheimnis des Küchenmeisters, aber er bildete sich ein, die Mischung ganz gut herausgebracht zu haben.
Noch einmal atmete er den Duft tief ein, bevor er einen Schluck von dem heißen Getränk nahm und nachspürte, wie der Geschmack sich überall in seinem Mund ausbreitete, wie die Flüssigkeit seine Kehle hinab rann und jeder Winkel seines Körpers von Wärme erfüllt wurde.
Das gehörte zu den Dingen, die man ihm in At-Ta’ir als erstes beigebracht hatte: Sich ganz auf eine Handlung zu konzentrieren, nicht an das Vorher oder Nachher zu denken, sondern ganz bei dem zu sein, was man gerade tat. Gleich ob es das Trinken von Tee, das Zusammenlegen der Kleidung oder das Kehren des Hofes war: Es geschah ganz im Jetzt.
Erst wenn man das beherrschte, wurde man zur zweiten Stufe zugelassen: Dem körperlichen Training der konkreten Techniken. Denn nur wenn ein Krieger sich ganz auf das konzentrieren konnte, was er tat, war er ein guter Krieger, denn ein Kampf geschieht in der Gegenwart, nicht in der Vergangenheit oder der Zukunft.
Said trank den letzten Schluck aus seinem Becher. Diese Erinnerung an die Konzentration auf den Augenblick hatte ihn zusammen mit dem Tee so sehr erfrischt, dass er aufbrechen konnte. Er packte sein Bündel, löschte das Feuer, stützte sich auf seinen Stock und ging los.

The Journey of the Warrior Said - Episode 2: How everything began



Slowly he opened his eyes.
It was already late in the day, but because of the undergrowth in which he slept and because of the overcast sky he hadn’t woken up earlier. Perhaps the last night did the rest for it: He truly hadn’t slept well, he had dreamt wild things and he tossed and turned on the tree roots – in the last years he was truly used to more luxurious beds for the night!
Now he crawled out of the undergrowth, gathered his bundle and his stick out of the entanglement of leaves and looked for an open clearance to start a fire. With numb fingers he collected a trifle of foliage and wood, and after having started the fire and warmed up his fingers a bit at it, he put a kettle onto it and poured all the rest of water of his drinking bottle into it. Out of the depths of his bundle he brought a small amount of odorous spices into the light of the day and gave them to the water in the kettle – the last tangible rest that linked him to the land where he has erstwhile come from: Cloves – they have been the favourite spice of his mother. Cardamom – his father had flavoured his coffee with it. And pepper – never a soup without pepper was to his liking. As the spicy mixture cooked for a while bubbling in the kettle he took his jar and gave an odd lot of honey into it – he learned about that sweet temptation only in that land. He poured the spicy brew over it and looked how the honey slowly melted. With the honey the tensions in his head dissolved, and while he was soaking in the scent of the spicy tea with his nose, he felt remembered to a further site of his past: At-Ta’ir.
“At-Ta’ir.” After he had spoken out this name his thoughts kept quiet for a long time.
As a young man he has come to At-Ta’ir, briefly after his arrival to that land that at first appeared cold and inhospitable to him. In the winter of his coming an old man had shown him the way thither, and on the heels of his arrival there he got a jar of spicy tea to warm his cold limbs. The precise composition of the tea was the resolutely kept secret of the master of the kitchen, but he felt confident in having brought out the mixture pretty good. Once again he inhaled the scent deeply before he took a sip of the hot beverage and traced how the taste expanded everywhere in his mouth, how the liquor flowed down his throat and how every corner of his body became suffused of the warmth.
That was one of the things that he was taught in At-Ta’ir at first: To concentrate fully onto an action, not to think about the before and after, but to be completely within that what you were doing just now. Even if it were the drinking of tea, the folding of clothing or the sweeping of the courtyard: It happened entirely in the present.
Only if one mastered that one were admitted to the second degree: The physical training of the concrete techniques. Because only when a warrior was able to concentrate completely to that what he was doing he was a good warrior, because a combat occurs in the present, not in the past or the future.
Said drank the last gulp of his jar. The memory to the concentration to the moment refreshed him together with the tea so much that he could set out. He grabbed his bundle, quenched the fire, leaned on his stick and went off.


Sonntag, 30. November 2014

Die Reise des Kriegers Said - Episode 1: Der Aufbruch



Im Morgengrauen verließ er die Stadt. Gegen den nachtgrauen Himmel zeichneten sich ihre Umrisse erst undeutlich ab. In der Mitte der große Turm, ringsum mit Häusern umstanden – es war eine Stadt, in der die Häuser eng beieinander standen und die Gassen schmal waren, an Markttagen kam man kaum vorwärts. Die Menschen drängten sich aneinander vorbei, zahlreiche Händler mit ihren Ständen säumten die Straßen bis zum Marktplatz, von wo aus die Stimmen der Marktschreier schon von Weitem tönten: „Wunderbares Geschmeide für die junge Maid“, „Alantwurzel, ein Heilmittel gegen fast alles, das muss die Frau von heute im Haus haben“, versuchten sie ihr überwiegend weibliches Publikum zum Kauf zu verleiten.
Wenn Said an Markttagen in den engen Gassen unterwegs gewesen war, hatte er kaum Augen für die Frauen und die Wunderdinge der Händler gehabt, seine Aufgabe war es gewesen, auf die Sicherheit seines Herrn zu achten.
Aber diese Zeit war nun vorbei. Während Said, der sich auf einen Stock stützte, vor sich hin sann, entfernte er sich immer weiter von der Stadt, die langsam immer besser zu erkennen war. Sie lag auf einem Hügel, und von ihrer erhöhten Position aus konnte man die Umgebung gut überblicken: Weite Wiesen, saftiges Grün, reich tragende Bäume.
Während Said den gewundenen Weg hinab schritt, wanderten seine Gedanken wieder zurück in die Vergangenheit: Was war das für ein Leben gewesen! Sichere Unterkunft und köstliches Essen im Palast, das höfische Zeremoniell und die Rituale des Tagesablaufs – ja, sie waren steif gewesen, aber auch würdevoll, und sie hatten dem Tag eine ganz eigene Struktur und Ordnung gegeben.
Das würde ihm fehlen, ganz sicher. Dennoch konnte er nicht bleiben. Es hatte ihn zwar keiner verjagt, aber dennoch sah er sich gezwungen zu gehen. An diesem Ort, an dem er jahrelang seinen festen Platz gehabt hatte, fühlte er sich jetzt völlig fehl platziert. Er hatte keine Aufgabe mehr, war als Krüppel mit ruhmreicher Vergangenheit wohl geduldet – aber das wollte er nicht.
Als er wieder einigermaßen laufen konnte, schnürte er sein Bündel und kehrte der Stadt den Rücken – einerseits froh darüber, andererseits traurig. Froh, weil er so diesen unseligen Zustand des Nichtstuns beenden konnte, und traurig, weil er so Vieles zurückließ. Aber er musste das einfach tun. Gedankenverloren stützte er sich auf seinen Stab. Ja, frei war er jetzt, das war richtig. Aber wohin sollte er jetzt? Wo würde ihn seine Reise wohl hinführen?

Langsam ging er weiter, ganz in seine Gedanken versunken.
Vor seinem inneren Auge zogen Bilder von Gegenden herauf, die er im Laufe seines Lebens gesehen hatte: Die Wüste Arabiens mit ihren heißen, trockenen Weiten und fruchtbaren Oasen, die turbulenten Küstenstädte, das wilde Meer, das ungewöhnlich andere Land Europas mit seinen Bergen, Flüssen, Seen und weitem, grünem Land. Er hatte in seinem jungen Leben wahrhaftig schon viel gesehen und noch mehr erlebt.
Vor lauter Versunkenheit nahm er gar nicht wahr, wohin er lief, erst als er strauchelte hob er seinen Blick. Himmel, wo war er hier nur gelandet? Sein Umhang verfing sich im Gestrüpp, seine Füße stolperten über grobe Steine, und bald konnte er die Hand kaum noch vor Augen sehen. Als er wieder stolperte und hinfiel blieb er einfach liegen, ein Weg war in dieser Dunkelheit sowieso nicht mehr zu finden. Er schaute nach oben, aber er konnte noch nicht einmal Sterne erkennen, nur düsteres Grau über den dunklen Ästen. „Na, das passt ja wenigstens zu meiner Stimmung“, sagte er, bevor er in der Düsternis einschlief.

The Journey of the Warrior Said - Episode 1: The Departure



At the crack of dawn he left the town. Against the night grey sky its silhouettes were slightly outlined. In the middle the big tower, on all sides stood around with houses – it was a town where the houses stood at close quarters and the alleys were narrow, at market days you barely forged ahead. The people pushed each other, numerous traders with their stalls lined the streets up to the market place from where the voices of the barkers chimed from afar: ”Marvellous jewellery for the young maiden”, “Elfwort root, a remedy for almost everything, the new woman has to have a supply of it”, so they induced their mainly female public to buy.
When Said at market days was on his way through the narrow alleys he had scarcely had eyes for the women and the prodigies of the traders, it has been his assignment to care for the safety of his lord.
But that time has gone now. While Said, who leaned on a stick, chewed over it, he went away on and on of the town that was slowly better and better to perceive. It lay on a hill, and from its high position the environment was good to oversee: Wide meadows, lush Green, rich bearing trees.
While Said stepped down the meandering way, his thoughts wandered back to the past: What kind of a life it has been! Safe shelter and delicious food in the palace, the courtly ceremoniousness and the rituals of the daily routine – yes, they have been starchy, but with dignity, too, and they have given a completely peculiar structure and order to the day.
That would surely be lacking to him. However he couldn’t stay. Indeed nobody drummed him of, but nevertheless he saw himself forced to leave. At this site, where he had for years his firm place, he felt now completely incongruous. He had no task anymore, was indeed tolerated as a cripple with a splendid past – but he didn’t want that at all.
As he could again walk fairly on his own he made his package and turned his back on the town – on the one hand glad over it, on the other hand sad. Glad because he could so end that unfortunate condition of inaction, sad because he left so much. But he simply had to do that. Absentmindedly he leaned on his stick. Yes, now he was free, that was right. But where he should go now? Where his journey would lead him?

Slowly he went on, completely absorbed in his thoughts.
In front of his inner eye images of regions draw near that he has seen in the course of his lifetime: The desert of Arabia with its heat dry width and fertile oases, the tumultuous coastal towns, that unusual other land of Europe with its mountains, rivers, lakes and wide green land. In his young life he really had seen a lot and experienced so much more.
Because of his absorption he didn’t realise where he was going, only as he tripped he raised his eyes. Heaven, where has he landed here? His cloak became entangled in the undergrowth, his feet stumbled over raw stones, and soon he couldn’t see his hand in front of his face. As he stumbled again and tumbled he barely stayed lying down, in this darkness a way was anyhow no longer to find. He looked upwards, but he couldn’t even spot a star, only gloomy Grey over the dark branches. “Well, that fits at least into my mood”, he said before he fell asleep in the gloom.


Mittwoch, 26. November 2014

Diesem einen will ich folgen



Irgendwann kommt die Situation, in der wir uns entscheiden – müssen?

Große Entscheidungen können geplant sein: Wir stehen vor einer Wegkreuzung, und es gibt zwei Wege: einen nach rechts und einen nach links. Wir können hin und her schwanken, wir können uns vor der Entscheidung drücken und sie eine Weile vor uns her schieben, aber irgendwann entscheiden wir uns zumeist doch, für den einen Weg oder den anderen.

Dann gibt es die ungeplanten Entscheidungen: Wir befinden uns in einer Situation, aus der heraus wir uns für einen bestimmten Weg entscheiden.
So geht es Balin im „Hobbit“:

Diesem einen will ich folgen.
Diesen einen kann ich König nennen.

So erzählt er von der Schlacht von Moria, in der der Zwergenprinz Thorin im Kampf gegen den weißen Ork Azog einen Eichenast ergriff und sich mit ihm als Schild verteidigte, Azog schwer verletzte und so das Ende der Schlacht herbeiführte. Der anschließende Weg führte nicht in den Triumph, sondern ins Exil – trotzdem folgt Balin Thorin und weicht von seiner Treue nicht ab. Balin hat damit eine Lebensentscheidung getroffen, so wie viele Menschen in der Antike oder noch vor nicht allzu langer Zeit auch in den asiatischen Kampfkünsten sie getroffen haben: Für ein Leben lang – oder zumindest für eine lange Zeit – dem Weg eines bestimmten Meisters zu folgen, sei es ein Meister der Kriegskünste oder ein Meister der religiösen bzw. philosophischen Wege. Das bedeutet sich zunächst voll und ganz auf einen bestimmten Weg bzw. dessen Interpretation durch den Meister einzulassen. Zuerst kommt das Erleben einer ganz bestimmten Tradition in einer ganz bestimmten Ausprägung – später, wenn man viel von der Tradition verstanden hat, auf dem Weg zum eigenen Meister werden ein gutes Stück vorangeschritten ist, die eigene Interpretation. Dabei geht es nicht darum den Meister zu kopieren, sondern es geht darum den eigenen Meister in sich zu finden, die eigenen Art zu finden die Tradition zu leben, in deren Linie man steht. Das Ziel dieser Art der Ausbildung bzw. der Jüngerschaft ist, dass nicht tote Zeichen und Rituale, nicht Asche weitergegeben wird, sondern lebendige Tradition, Glut, die wiederum andere Feuer entzünden kann.

Damit stellt sich auch für uns die Frage:
Wen betrachten wir als den einen, der es wert ist, dass wir ihm folgen?
Wessen Weg folgen wir?
Und was von diesem Weg ist für uns die wertvolle Glut, die wir entfachen, füttern, weitergeben wollen?

There is one who I could follow



Some day there comes the situation when we decide – do we have to?

Big decisions can be planned: We stand at a road junction and there are two ways: one rightwards and one leftwards. We can sway to and fro, we can duck to make the decision and kick it down the road for a time, but some day we mostly make up our mind, for the one way or the other one.

Then there are the unplanned decisions: We are located in a situation out of which we make up our mind for a certain way.
So it is for Balin in the “Hobbit”:

There is one who I could follow.
There is one I could call king.

So he tells about the battle of Moria, in which the dwarf prince Thorin in combat against the white ork Azog took an oaken branch and fought back with it as a shield, injured Azog badly and caused so the end of the battle. The following way doesn’t lead into triumph, but into exile – nevertheless Balin follows Thorin and doesn’t depart from his loyalty. With that Balin took a decision for life, like a lot of people did it during the ancient times or not so long ago in the Asian martial arts, too: To follow for a lifetime – or at least for a long time – the way of a certain master, be it a master of the martial arts or a master of the religious or philosophical ways. That means at first to get oneself thoroughly into a certain way resp. its interpretation through the master. At first there is the undergoing of a certain tradition in a certain manifestation – later, when you understood a lot of the tradition, are a good bit advanced on the way to their own master, the own interpretation. In doing so the point is not to replicate the master, but it is the point to find the own master in oneself, to find the own way of living the tradition in which line one is standing. The target of this kind of education resp. discipleship is not to pass on dead signs and rituals or cinder, but living tradition, blaze that is in turn able to inflame other fires.

This begs even for us the question:
Who do we consider as the one who is it worth that we follow him?
Whose way are we following?
And what of that way is for us the precious blaze that we want to spark off, feed, pass on?