Donnerstag, 6. Februar 2014

Die Prinzessin und die Schwierigkeit sich zu entscheiden



Im „Froschkönig“ befindet sich die Königstochter in einer unangenehmen Situation: Ihre heißgeliebte goldene Kugel ist ihr abhanden gekommen und sie hat dem Frosch ihre Welt versprochen, um sie zurück zu bekommen.
Doch dann ist ihr dieses Versprechen unangenehm und sie flüchtet, zurück nach Hause, zurück ins Vertraute. Doch als ihr Versprechen schon fast in Vergessenheit geraten ist, holt sie die Vergangenheit ein, klopft in Gestalt des Frosches an die Türe: „Königstochter, jüngste, mach mir auf!“ Ihr Vater drängt sie dazu zu ihrem Versprechen zu stehen, und sie fügt sich seinem Willen. Sie sagt nicht: „Meine damalige Entscheidung war falsch, ich kann mein Versprechen nicht erfüllen.“ Nein, sie erträgt den für sie unerträglichen Zustand, obwohl sie sich zwischen Pflichterfüllung und Widerwillen bzw. ihrer Freiheit hin- und hergerissen fühlt.
Sie erträgt die Gegenwart des unangenehmen Fremden in ihrer unmittelbaren Nähe: Erträgt, dass er in ihrer Nähe sitzt, erträgt, dass er von dem isst, was sie nährt, erträgt auch, dass sie ihre Ruhe, ihren Rückzugsraum mit ihm teilen soll. Sie erträgt diesen Zustand zwischen den beiden für sie wichtigen Polen: Setzt sie den Frosch vor die Türe, hat sie ihren Freiraum wieder, doch dann hält sie ihr Versprechen nicht, wird unglaubwürdig. Gesteht sie dem Frosch zu was er verlangt, büßt sie ihren Freiraum ein, lässt zu, dass ihr heiliger ihr eigener Bereich auch von einem anderen bewohnt wird.
Sie erträgt diesen für sie untragbaren Zustand, bis das Untragbare für sie wirklich unerträglich wird, bis ein Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt. Als der Frosch mit dem Schlafen im gleichen Bett noch mehr von ihr, noch mehr Intimität verlangt, kann sie nicht mehr, bricht aus, trifft eine impulsive Entscheidung – wenn auch nicht für eine der beiden vorher erwägten Optionen. Und sie entscheidet sich nicht nur, indem sie sagt: „Nein, das bekommst du nicht von mir“, sondern ihre Entscheidung entlädt sich in einer emotionalen Handlung: Sie wirft den Frosch an die Wand, und mit ihm all ihren Widerwillen, ihre Abscheu, ihre Reue um ihr einmal gegebenes Versprechen.
Doch kurioserweise hat ihre unorthodoxe Handlung für sie keine negativen Folgen, sondern ist die Lösung des Dilemmas: Der an die Wand geworfene Frosch wandelt sich, wird vom Ekelpaket zum schönen Prinzen, wird durch ihre Handlung von seinem Fluch erlöst. Ihre auf den ersten Blick inadäquat erscheinende Handlung löst die Situation. Man könnte auch sagen: Der Frosch hat die Abscheu, das an die Wand geworfen werden seitens der Prinzessin gebraucht, um von seinem Fluch erlöst zu werden. Und ihre Weigerung, die Gegebenheiten des Schicksals hinzunehmen, hat für sie nicht etwa negative Konsequenzen, sondern führt zu einer unerwarteten Lösung, von der beide profitieren und als Königspaar im Reich des Prinzen vielleicht sogar glücklich sind.

Die Prinzessin wuchs als jüngste Königstochter wohl behütet auf, hatte vorher vielleicht noch keine Entscheidungen von größerer Tragweite treffen müssen, da andere für sie entschieden haben.
Mit dieser Entscheidung stellt sie die Weichen für ihre Zukunft, tritt in ein neues Lebensstadium ein, bricht in ein neues Leben auf. Sie wird vom Mädchen zur Frau, hat sich entwickelt, ist gereift.

 Was wäre wohl geschehen, wenn die Prinzessin sich nicht entschieden hätte?