Sonntag, 16. November 2014

Das Mädchen ohne Hände – Teil 2



„Soll sie gehen oder bleiben?“ fragten wir am Ende von Teil 1.
Viele von euch waren der Meinung, dass sie an der Stelle des Mädchens gehen würden – und genauso macht sie es auch.

Sie sagt zu ihrem Vater: „Geliebter Vater, ich weiß, dass du mich gerne hast, aber hier kann ich nicht bleiben. Binde mir mein Bündel auf den Rücken und binde mir auch meine Armstümpfe darunter fest, dann lass mich in die Welt ziehen.“ Schweren Herzens willigte der Vater ein und ließ sie von dannen ziehen.
Sie wanderte den ganzen Tag, und als es Abend wurde und sie schon ganz hungrig war kam sie an einen Fluss, der ihr den Weg versperrte. Auf der anderen Seite des Flusses lag ein Garten mit vielen Obstbäumen, und ein Baum hatte es ihr besonders angetan: Er trug lauter Birnen, die im Licht der untergehenden Sonne golden glänzten. „Wie soll ich da bloß hinübergelangen?“ seufzte das Mädchen. In ihrer Not betete sie zu Gott, dass er ihr helfen möge. Da schickte Gott ihr einen Engel, stark, strahlend weiß und schön wie der lichte Tag. Er stellte sich mitten in den Fluss, so dass sich das Wasser hinter ihm staute und sie in den wundervollen Garten hinübergehen konnte. Dort ging sie sogleich zu dem Baum mit den goldenen Birnen, stellte sich unter eine dieser prallen Früchte und aß sie mit dem Mund. Wenn sie ihr entglitt half ihr der Engel und hielt sie fest. Als sie sich genügend gestärkt hatte, stellte sich der Engel wieder in den Fluss, so dass sie zurückkommen konnte. Am anderen Ufer war ein kleines Wäldchen, dort machte er ihr unter einem Busch ein Plätzchen zurecht, wo sie schlafen konnte.
Am anderen Morgen ging der König des Landes, der der Besitzer des Gartens mit den vielen Obstbäumen war, in diesem spazieren und stellte plötzlich fest: „An meinem Baum mit den goldenen Birnen fehlt eine. Gärtner!! Weißt du, wo sie geblieben sind?“ Doch der Gärtner konnte ihm keine Auskunft geben, und der König war sich sicher, dass der Gärtner ihm die fehlende Birne nicht gestohlen hatte. Da beschlossen beide, dass sich der Gärtner in der nächsten Nacht auf die Lauer legen sollte für den Fall, dass sich dieser Vorfall wiederholen würde.
In dieser Nacht lag der Gärtner also auf der Lauer, und es geschah genau das gleiche wie in der Nacht zuvor: Der Engel stellte sich in den Fluss, um dem Mädchen die Überquerung zu ermöglichen. Sie aß eine weitere goldene Birne, wobei ihr der Engel half. Danach gingen beide wieder zurück zu dem Wäldchen auf der anderen Flussseite.
Als der Gärtner dem König am nächsten Morgen von seinen Beobachtungen erzählte, rief dieser aus: „Unglaublich! Das muss ich mit eigenen Augen sehen! Heute Nacht will ich mich mit dir auf die Lauer legen. Aber lass uns den Priester mitnehmen, er weiß am besten, wie man mit Geistern umgeht.“
Als die Nacht nun hereinbrach, hatten sich die Drei auf die Lauer gelegt wie in der Nacht zuvor der Gärtner alleine, und es geschah das Gleiche wie in der vorigen Nacht: Der Engel stellte sich in den Fluss, das Mädchen kam hinüber und aß mit seiner Hilfe eine weitere Birne. Da sprach sie der Priester an: „Sag an, schönes Kind, bist du ein Mensch oder ein Geist?“ – „Ich bin aus Fleisch und Blut, ganz wie ihr, mein Herr“, antwortete sie, während der Engel verschwand. Der König verliebte sich sogleich in das schöne Mädchen und lud sie ein bei ihm zu bleiben, und bald darauf wurde die Hochzeit gefeiert. Aus Liebe zu seiner Frau ließ er ihr von seinem Goldschmied sogar silberne Hände machen, die sie so benutzen konnte als wären es ihre eigenen.
Die beiden waren sehr glücklich miteinander, und das Mädchen, das nun zur Königin geworden war, erwartete das erste Kind, als der König eines Tages in einen Krieg weit fort ziehen musste. Darüber war er sehr traurig und sprach zu seiner Mutter: „Liebe Mutter, leider muss ich fort, es geht nicht anders. Gib mir gut auf meine Frau acht, und schicke mir sogleich Nachricht, wenn das Kind da ist!“ Die Königinmutter willigte ein, und weil sie die Königin von Herzen lieb hatte, ließ sie es ihr während der Abwesenheit des Königs an nichts fehlen.
Als die Königin einen wunderschönen kleinen Prinzen geboren hatte und die Freude im Königsschloss groß war, schrieb die Königinmutter ihrem Sohn wie versprochen sogleich eine Nachricht, in der sie das Kleine bis in den Himmel lobte und ihrem Sohn zu diesem großartigen Nachwuchs gratulierte. Doch der Bote, den sie mit dieser Nachricht losgeschickt hatte, wurde unterwegs vom Schlaf übermannt, und während er schlief, tauschte der Teufel die Botschaft aus. In der Botschaft, die der König nun erhielt, stand: „Die Königin hat einen Wechselbalg geboren. Es hat die Behaarung eines Affen, die Klauen eines Adlers, das Gesicht einer Katze und das Brüllen eines Bären – es muss verflucht sein. Was sollen wir nur mit diesem Ungetüm machen?“ Der König erschrak sehr, doch weil er seine Frau sehr liebte, antwortete er seine Mutter solle nur gut für die beiden sorgen, er freue sich darauf heimzukommen und den Kleinen kennenzulernen. Doch auch auf dem Rückweg schlief der Bote wieder ein, und der Teufel vertauschte die Botschaft abermals. In der Botschaft, die die Königinmutter erhielt, stand:“ Dieser Wechselbalg muss wahrhaftig verflucht sein, ich will nichts mit ihm zu tun haben. Bring dieses Ungetüm um und bewahre mir als Beweis dafür seine Augen und sein Herz auf, dann jage die Königin zum Teufel!“ Die Königinmutter konnte nicht glauben, was sie da las, denn sie hatte ihren Sohn ganz anders eingeschätzt. Deshalb schickte sie wiederum einen Boten los und fragte, ob er das denn wirklich ernst meine, aber es kam die gleiche Botschaft zurück wie zuvor, denn auch dieses Mal tauschte der Teufel die Botschaften aus.
Die Königinmutter war sehr bestürzt und brachte es nicht übers Herz den kleinen Jungen zu töten, daher schickte sie den Jäger in den Wald um ihr Augen und Herz eines jungen Rehs zu bringen, diese wollte sie an Stelle der Augen und des Herzens ihres Enkels aufbewahren. Dann stattete sie ihre Schwiegertochter gut aus und schickte sie schweren Herzens hinaus in die Welt.
Als der König vom Krieg heimkehrte und sogleich Frau und Kind sehen wollte, berichtete die Königinmutter, dass sie getan hatte wie er verlangt hatte und zeigte ihm Augen, Herz und die Botschaft, die sie erhalten hatte. Da war der König sehr bestürzt und klärte sie über das Missverständnis auf. „Das ist ja furchtbar!“ sagte die Königinmutter. „Wie gut, dass ich nicht getan habe, was in der Botschaft stand, ich habe es einfach nicht übers Herz gebracht. Augen und Herz, die ich dir gezeigt habe, stammen von einem Reh, und deine Frau habe ich zusammen mit dem Kind in die Welt hinaus geschickt.“ Da war der König sehr froh und zog ebenfalls in die Welt hinaus, um seine Frau und sein Kind zu suchen.
Lange Zeit zog der König durch die Welt und suchte und suchte und fand sie nicht. Er wusste schon kaum mehr, wo er noch suchen sollte, als er nach sieben langen Jahren an eine Hütte im Wald kam. Davor stand ein weiß gekleideter Geist, der zu ihm sagte: „Willkommen, Herr König, kommt herein, hier könnt ihr euch stärken.“ Nachdem er gegessen hatte, legte er sich auf die Ruhestatt neben dem Tisch, und alle Mühsal und Entbehrung der letzten sieben Jahre schienen von ihm abzufallen. Als er wieder zu sich kam und die Augen noch geschlossen hatte, spürte er wie ein Tuch auf seinem Gesicht lag und nur von seinem Atem bewegt wurde. Weil er neugierig war, was geschehen würde, blies er es weg, da legte es eine zarte Hand wieder auf sein Gesicht zurück. Wiederum blies er es weg, und dieses Mal öffnete er auch die Augen und erblickte an seiner Seite eine wunderschöne Frau und einen Jungen. „Wer seid ihr?“ fragte er sie. „Ich bin eure Frau, mein König, und dies ist euer Sohn“, antwortete sie. „Das kann nicht sein“, entgegnete er, „meine Frau hatte keine Hände, aber ihr habt die wunderschönsten Hände, die ich je gesehen habe.“ – „Schmerzenreich, geh und hole die silbernen Hände aus der Truhe“, hieß sie ihren Sohn. Als er die silbernen Hände brachte, sagte sie: „Diese silbernen Hände habt ihr mir zur Hochzeit machen lassen, erinnert ihr euch? Doch in der Zeit, in der ich hier war, sind meine Wunden geheilt und mir sind diese wunderbaren Hände gewachsen.“ Da schloss der König seine Frau und seinen Sohn freudig in die Arme. Sie kehrten zurück zum Schloss, feierten ein großes Fest und lebten glücklich bis an ihr Ende.
                            

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen