Sonntag, 30. November 2014

Die Reise des Kriegers Said - Episode 1: Der Aufbruch



Im Morgengrauen verließ er die Stadt. Gegen den nachtgrauen Himmel zeichneten sich ihre Umrisse erst undeutlich ab. In der Mitte der große Turm, ringsum mit Häusern umstanden – es war eine Stadt, in der die Häuser eng beieinander standen und die Gassen schmal waren, an Markttagen kam man kaum vorwärts. Die Menschen drängten sich aneinander vorbei, zahlreiche Händler mit ihren Ständen säumten die Straßen bis zum Marktplatz, von wo aus die Stimmen der Marktschreier schon von Weitem tönten: „Wunderbares Geschmeide für die junge Maid“, „Alantwurzel, ein Heilmittel gegen fast alles, das muss die Frau von heute im Haus haben“, versuchten sie ihr überwiegend weibliches Publikum zum Kauf zu verleiten.
Wenn Said an Markttagen in den engen Gassen unterwegs gewesen war, hatte er kaum Augen für die Frauen und die Wunderdinge der Händler gehabt, seine Aufgabe war es gewesen, auf die Sicherheit seines Herrn zu achten.
Aber diese Zeit war nun vorbei. Während Said, der sich auf einen Stock stützte, vor sich hin sann, entfernte er sich immer weiter von der Stadt, die langsam immer besser zu erkennen war. Sie lag auf einem Hügel, und von ihrer erhöhten Position aus konnte man die Umgebung gut überblicken: Weite Wiesen, saftiges Grün, reich tragende Bäume.
Während Said den gewundenen Weg hinab schritt, wanderten seine Gedanken wieder zurück in die Vergangenheit: Was war das für ein Leben gewesen! Sichere Unterkunft und köstliches Essen im Palast, das höfische Zeremoniell und die Rituale des Tagesablaufs – ja, sie waren steif gewesen, aber auch würdevoll, und sie hatten dem Tag eine ganz eigene Struktur und Ordnung gegeben.
Das würde ihm fehlen, ganz sicher. Dennoch konnte er nicht bleiben. Es hatte ihn zwar keiner verjagt, aber dennoch sah er sich gezwungen zu gehen. An diesem Ort, an dem er jahrelang seinen festen Platz gehabt hatte, fühlte er sich jetzt völlig fehl platziert. Er hatte keine Aufgabe mehr, war als Krüppel mit ruhmreicher Vergangenheit wohl geduldet – aber das wollte er nicht.
Als er wieder einigermaßen laufen konnte, schnürte er sein Bündel und kehrte der Stadt den Rücken – einerseits froh darüber, andererseits traurig. Froh, weil er so diesen unseligen Zustand des Nichtstuns beenden konnte, und traurig, weil er so Vieles zurückließ. Aber er musste das einfach tun. Gedankenverloren stützte er sich auf seinen Stab. Ja, frei war er jetzt, das war richtig. Aber wohin sollte er jetzt? Wo würde ihn seine Reise wohl hinführen?

Langsam ging er weiter, ganz in seine Gedanken versunken.
Vor seinem inneren Auge zogen Bilder von Gegenden herauf, die er im Laufe seines Lebens gesehen hatte: Die Wüste Arabiens mit ihren heißen, trockenen Weiten und fruchtbaren Oasen, die turbulenten Küstenstädte, das wilde Meer, das ungewöhnlich andere Land Europas mit seinen Bergen, Flüssen, Seen und weitem, grünem Land. Er hatte in seinem jungen Leben wahrhaftig schon viel gesehen und noch mehr erlebt.
Vor lauter Versunkenheit nahm er gar nicht wahr, wohin er lief, erst als er strauchelte hob er seinen Blick. Himmel, wo war er hier nur gelandet? Sein Umhang verfing sich im Gestrüpp, seine Füße stolperten über grobe Steine, und bald konnte er die Hand kaum noch vor Augen sehen. Als er wieder stolperte und hinfiel blieb er einfach liegen, ein Weg war in dieser Dunkelheit sowieso nicht mehr zu finden. Er schaute nach oben, aber er konnte noch nicht einmal Sterne erkennen, nur düsteres Grau über den dunklen Ästen. „Na, das passt ja wenigstens zu meiner Stimmung“, sagte er, bevor er in der Düsternis einschlief.

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