Sonntag, 24. Mai 2015

Erleuchte uns mit deinem Feuer!



Das Leben geht seinen Gang.
Es tröpfelt so vor sich hin,
Mal mehr, mal weniger grau.
Die Tage gleichen einander fast wie Klone im Reagenzglas.
Jeden Tag der gleiche Trott, die gleichen Menschen, die gleichen Orte und Handlungen.

Doch dann schlägt es ein wie der Blitz.
Auf einmal,
Wie aus heiterem Himmel,
Ist da auf einmal Begeisterung, Inspiration, Motivation.
Plötzlich
Ist das Gras grüner und die Vögel singen melodischer,
Schmeckt der Tee intensiver und das Essen duftet besser,
Erscheinen die Menschen freundlicher und zugänglicher.

Doch was ist da passiert?
Weshalb verwandelt sich Alltagsgrau plötzlich in Farbe?
Weshalb wird aus der Pflicht der Nahrungszubereitung auf einmal ein Ritual mit wohltuenden Handgriffen?
Weshalb räumt sich der Schreibtisch nun wie von selbst auf und ist es eine Freude das Umfeld gut zu sortieren?

In-spiration, Be-geisterung,
Kommt plötzlich,
Ist unverfügbar,
Nicht steuerbar.
Sie kann erhebend sein und beängstigend,
Wie ein leises Säuseln,
Das leise Veränderungen anregt wie ein sachtes Flüstern im Ohr,
Oder wie ein Wirbelsturm,
Der alles durcheinanderbringt und das Leben kräftig durchschüttelt, bisweilen keinen Stein mehr auf dem anderen lässt.
Inspiration kann weder geplant noch erzwungen werden.

Aber man kann den Nährboden schaffen
Um sie zu ermöglichen und willkommen zu heißen.
In eine Schale, die bis zum Rand gefüllt ist,
Kann man nichts mehr hineingießen.
Ein bis auf den letzten Platz gefüllter Terminkalender
Lässt keinen Raum mehr für „Mehr“,
Ebenso ein Geist, der alle Türen verschlossen hält.

Inspiration braucht Raum, Zeit und Offenheit.
Raum im Terminkalender, in der Küche und auf dem Schreibtisch.
Zeit zwischen den Terminen oder nach Feierabend.
Offenheit für neue Gedanken, Strukturen und Wege.

Und dann,
Auf einmal,
Wenn die Gedanken frei
Und Raum und Zeit gegeben sind,
Wenn Inspiration willkommen ist,
Dann kommt sie,
Nicht geplant,
Sondern geschenkt.

Und wenn wir dieses Geschenk nicht lieblos in die Ecke stellen,
Sondern es wertschätzen, hüten und pflegen,
Dann fühlen sich weitere Inspirationen willkommen
Und kommen zu uns,
Wenn ihre Zeit gekommen ist.

Willkommene Inspirationen können uns nicht nur in der ein oder anderen Weise erleuchten,
Sondern der Funke der Inspiration kann ein Feuer in Gang setzten,
Das zunächst leise züngelt,
Dann immer größere Flammen schlägt
Und andere mitreißt.


Geküsst von Kalliope, der schönstimmigen Muse, Tochter des Göttervaters und der Mnemosyne („Erinnerung“), fand Orpheus (je nach Quelle abgeleitet von „Dunkelheit der Nacht“ bzw. „schöne Stimme“) die Kraft um in die Unterwelt hinunterzusteigen, weil er seine plötzlich verstorbene große Liebe zurückholen wollte, im vollen Bewusstsein der Unberechenbarkeit seines Vorhabens. Doch jeder Abstieg in die Unterwelt verändert und geht meist anders aus als erwartet.

Nach dem Tod Jesu, selbst noch nach seiner Himmelfahrt, igelten sich die Jünger ein, verharrten, beteten. Sie trauerten, teilweise waren auch ihre Erwartungen enttäuscht, Hilflosigkeit machte sich breit. Sie waren von diesem charismatischen Jesus so begeistert gewesen, er hatte ein ungeahntes Feuer in ihnen entfacht, sie hatten viel aufgegeben, waren ihm nachgefolgt, hatten seiner Botschaft von einer neuen Welt geglaubt, waren voller Hoffnung und Motivation gewesen – und dann? Ließ er sich ans Kreuz schlagen, blieb wo er vielleicht hätte fliehen können, ließ sie in Ratlosigkeit zurück. Resignation machte sich breit. Doch dann, plötzlich, wurden sie von etwas Unerklärlichem erfüllt, sprachen in Sprachen, die sie nicht kannten, erschienen ihrer Umwelt betrunken und von Sinnen. Doch sie waren weder das eine noch das andere, sondern be-geistert, ergriffen, und mussten einfach teilen, was sie da überkommen hatte. Und das Feuer, das sie ergriffen hatte, griff auf andere über, wärmte, entzündete, und wurde zum Flächenbrand.

Und passenderweise sang Måns Zelmerlöw gestern von der wichtigsten Hymne, die je gehört wurde:  „Wir sind die Helden unserer Zeit, aber wir tanzen mit den Dämonen in unserem Geist.“ (Gewinnerbeitrag des Eurovision Song Contest 2015)

Jetzt ist unsere Zeit. Wir sind dran.

Oh Ewige,
Schaffe auch in uns Raum der gefüllt werden kann
Und erleuchte uns mit deinem Feuer!
Entzünde dein Feuer in mir
Jeden Tag neu,
Auf dass dein Feuer uns erleuchte,
Wärme,
Begeistere,
Und über uns hinausleuchte
In alle Welt
Als Licht in der Dunkelheit,
Als Wärmequelle in der Kälte der Nacht,
Als Hoffnungsschimmer für die Welt von morgen.


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