Sonntag, 30. August 2015

Schatzinseln des Bücherregals (2): Über die Gleichförmigkeit des Alltags und die Sehnsucht des Herzens



Als nächstes möchte ich euch mein Lieblingsbuch vorstellen, das ich letzte Woche schon einmal kurz erwähnt habe: Die Reise zwischen Nacht und Morgen von Rafik Schami.
Müsste ich ein einziges Buch auswählen, um es mit auf eine einsame Insel zu nehmen, dann wäre es dieses hier.
Rafik Schami erzählt in diesem Buch die Geschichte des ehemaligen Circusdirektors Valentin Samani, der sich im Haus seines Großvaters niedergelassen hat, das diesem früher als Winterquartier diente. Er ist befreundet mit der jungen Briefträgerin Pia, die ihm eines Tages einen Brief seines Jugendfreundes Nabil bringt, der ihn bittet, mit seinem Circus durch Arabien reisen zu dürfen und ihm und seinem Circus diese Reise auch bezahlt.
Eine der Besonderheiten dieser Geschichte ist, dass sich Valentin und Nabil zum sogenannten Nachmorg treffen, der Zeit, „in der die Nacht sich anschickt zu gehen und der Morgen noch nicht ganz angekommen ist. Der Farbe nach Nacht, schmeckt sie bereits nach Morgen.“ Sie sitzen zu dieser Zeit zusammen und erzählen sich Geschichten aus ihrer Kindheit, den letzten vierzig Jahren und was sie über das heimliche Leben von Valentins Mutter herausgefunden haben.
Ich mag an dieser Geschichte – abgesehen von dem unverwechselbaren Erzählstils Rafik Schamis – dass er immer wieder verschiedene Zeitebenen verwebt: Sie spielt in der Gegenwart, erforscht und reflektiert die Vergangenheit und bricht auf in die Zukunft.

Die Stelle, die ich heute für euch herausgesucht habe, spielt zu Anfang des Buches, kurz bevor Valentin diesen außergewöhnlichen Brief erhält.

Valentin Samani war, wie schon seit Jahren, gegen fünf Uhr aufgewacht. Sein Schlaf wurde immer schlechter. Es heißt, wenn man alt wird, wird man ruhiger, doch Valentin wurde von Jahr zu Jahr unruhiger. Immer öfter schrak er in der Nacht auf, hellwach, auch wenn er kaum eine Stunde geschlafen hatte. Und es dauerte lange, ehe er wieder einschlafen konnte. Er schlief höchstens fünf Stunden in der Nacht und am Tag litt er unter zunehmender Ermattung. Vor allem aber quälte ihn die mit dem Älterwerden wachsende Empfindlichkeit gegen Geräusche. Schon ein Windstoß, das laute Fauchen einer Katze oder heftiger Regen vermochten ihn aus dem Schlaf zu reißen. „Ich werde langsam ein Huhn“, klagte er dem Dompteur Martin sein Leid, „ich wache mit ihnen auf und schlafe mit ihnen ein und bin genauso schreckhaft wie sie.“ …
An kalten Tagen pflegte Valentin die Lampe über dem Bett anzumachen, ein Buch vom Nachttisch zu nehmen und erst mal ein, zwei Stunden zu lesen. Nichts auf der Welt hasste er so sehr wie die Kälte. Das hatte er von seinen Eltern geerbt. Überhaupt hassten alle Circusleute die Kälte. Im Winter wird das Zelt nicht warm genug, sie können nicht auftreten und ihre Tiere frieren. Wenn Valentin an den Winter dachte, fiel ihm wenig Gutes ein. Im Dezember vor einem Jahr war seine Frau Viktoria gestorben und zwei Wochen später war sein Lieblingslöwe Hannibal durch die extreme Kälte an Lungenentzündung erkrankt. Trotz aufwändigster Behandlung war er nicht zu retten gewesen. …
An diesem kalten Morgen lag Valentin im Bett, und seltsam: Seine Augen glühten vor Aufregung. Ein Traum hatte eine Sehnsucht in seinem Herzen geweckt: Er saß auf einer weißen Bank in einem Park und plötzlich sah er seine Frau Viktoria in der Ferne unter einer Trauerweide sitzen. Sie trug das blaue Samtkleid, das er ihr in Athen geschenkt hatte. Sie lächelte ihn an und drehte sich wieder weg. Er wollte aufstehen, um zu ihr zu gehen, doch er konnte nicht. „Du musst dich befreien!“, rief sie ihm zu und streckte ihm ihre schönen Arme entgegen. Er richtete sich auf, doch das fiel ihm schwer; immer wieder fiel er erschöpft zurück, als wäre er mit Gummibändern an die Bank gefesselt. „Werde jünger!“, rief ihm Viktoria zu. Da atmete er tief ein, gab sich einen Ruck und fühlte sich auf einmal stark wie ein Berg. Seine Frau jubelte. Die Bänder, die ihn fesselten, zerrissen und er ging los. Da geschah das Wunder: Mit jedem Schritt wurde er jünger. Erst merkte er es gar nicht, doch bald fühlte er sich frisch wie lange nicht und kurz darauf wie ein vierzehnjähriger Junge. Viktoria aber verjüngte sich nicht nur, sondern wurde von Schritt zu Schritt der Briefträgerin Pia ähnlicher, und als er schließlich in ihre Arme fiel, war sie niemand anders als die Briefträgerin selbst. Er küsste sie und ihr Mund schmeckte nach Pfefferminze. Es war sein erster Kuss seit einer halben Ewigkeit.
Valentin lächelte zufrieden; endlich einmal ein Traum, der nicht langweilig endete. Er lag unter der Decke und dachte nach. Warum sollte er nicht von Tag zu Tag jünger werden? Vielleicht war das der einzige Weg, den Tod auf Abstand zu halten. Alle seine Verwandten hatten sich gewundert, dass er seine Frau überlebte, denn es war die Regel in der Familie Samani, dass erst die Männer starben und dann die Frauen. …
In dem Jahr seit ihrem Tod war er schnell gealtert. Er lachte immer weniger und fühlte, dass das Leben immer schneller an ihm vorüberrauschte. Das eine Jahr erschien ihm wie früher zehn. Seine dauernde Müdigkeit und Lustlosigkeit konnte er noch glaubhaft mit dem Wetter und dem schlechten Geschäft erklären. Aber seine Haut am Hals ließ sich nicht verstecken. Sie war schlaff geworden und hing nach unten, als wolle sie ihm die Wirkung der Schwerkraft demonstrieren; morgens, wenn er in den Spiegel schaute, erschrak er jedes Mal aufs Neue. Das Feuer der frühen Jahre schien ihm ein für allemal verloren.
Aber nur bis zu dieser Stunde in der Morgendämmerung, als er von seinem schönen Traum erwachte. Wie verwandelt fühlte er sich. So vieles gab es noch zu entdecken und neu zu lernen. „Du musst alles Entmutigende abschütteln und dich leicht wie ein Vogel erheben“, sagte er und warf die Decke von sich. „Von heute an werde ich täglich jünger“, sprach er so laut, als wollte er es jemandem im Zimmer mitteilen, und richtete sich auf. Doch das Rheuma in seiner linken Schulter meldete sich mit ziehendem Schmerz, und als hätte der wiederum die Bandscheiben geweckt, stachen die ihn wie kleine Messer ins Rückenmark. Sein Gesicht zuckte. Er zog seine Strickjacke über den Schlafanzug, ging langsam zum Fenster und zog die Rollläden hoch. Er wusste, dass es draußen noch dunkel war, aber er wollte dem Schlafzimmer wenigstens den Hauch von Morgendämmerung gönnen, den das Fenster dem grauen Himmel abringen konnte.
Die Küche war kalt, im Licht der Küchenlampe las er das Thermometer draußen am Fenster ab: -8°C. Doch statt, wie sonst, zu fluchen, rieb er sich die Hände und eilte zum Herd. Pfeifend kochte er Kaffee und holte aus dem Küchenschrank Kekse und eine große rote Kerze. Er wollte sein neues Leben feiern. Den Weg zurück zu seiner Jugend und den Kampf gegen den Tod. Viel zu früh geben wir unser Leben auf. Der Tod ist brutal und mächtig, doch alle Brutalen und Mächtigen kann man mit einer List betrügen. Wäre doch nicht schlecht, dem geizigen Tod so ein paar Jährchen abzuluchsen, dachte Valentin und schlürfte genüsslich seinen heißen Kaffee.

Samani ist gescheitert, hat immer wieder Geld, seine Lebensgrundlage, auch seine Frau verloren. Trotzdem ist er seinen Werten treu geblieben, auch wenn er manche aus den Augen verloren hat: Er sorgt noch für seine alten Tiere, hält zumindest losen Kontakt zu seinen Artisten. Dennoch ist er in dem Leben, in dem er sich mittlerweile eingerichtet hat – im Winterquartier seines Großvaters, umgeben von Sesshaftigkeit und Stillstand, die Besuche der Briefträgerin Pia als einziges Highlight – nicht wirklich glücklich, sondern hangelt sich eher von Tag zu Tag. Solange bis er in dieser Nacht von seiner verstorbenen Frau träumt, die in dazu ermutigt, sein Leben wieder in die Hand zu nehmen.

Jeden Tag ein bisschen jünger werden – klingt das nicht verlockend?
Doch wie geht das?
Widerspricht jünger zu werden nicht allem, was uns logisch erscheint?

Sicher, wir können uns nicht wieder in einen Vierjährigen verwandeln, und vielleicht wollen wir das auch gar nicht. Oder unser Leben mit vierzehn, vierundzwanzig oder vierunddreißig noch einmal erleben.
Aber irgendwann haben sich viele von uns in dem Leben eingerichtet, das wir leben, ursprünglich mag es dafür auch gute Gründe gegeben haben – der Job, das Geld, die Familie, das Leben an sich, was auch immer. Aber sind die Gründe, aus denen wir dieses Leben heute leben, noch dieselben, die es damals waren? Oder haben wir uns einfach darin eingerichtet, weil es mittlerweile so bequem geworden ist und jede Veränderung ein Umstand wäre?
Ja, ein eingerichtetes Leben hat etwas für sich. Eine gewisse Zeit des Rückzugs nach einer Zeit voller Herausforderungen oder Enttäuschungen ist in Ordnung. Manche Situation mag auch so verfahren aussehen, dass man sich fragt: „Himmel! Wie komme ich da nur wieder raus?“ Aber dort verweilen? Wo ist bei all dem die Sehnsucht unseres Herzens hingekommen?
Wir können nicht auf einen Schlag unser ganzes Leben ändern, und in vielen Fällen wäre das auch gar nicht sinnvoll. Aber wir können durchaus etwas tun: Jeden Tag ein bisschen jünger werden bedeutet, jeden Tag unserem Leben ein Detail hinzuzufügen, das unser Leben lebenswerter macht, Farbe hineinbringt, unsere Sinne anspricht, unser Herz erblühen lässt. Das können kleine, aber auch größere Dinge sein: Bewusst an den Blüten zu schnuppern, an denen man jeden Tag vorbeigeht, dem Morgengruß der Vögel lauschen, einen neuen Weg gehen, das Brot woanders kaufen oder selbst backen, neue Kontakte knüpfen oder alte wieder aufleben lassen. Jeden Tag ein bisschen jünger werden bedeutet, jeden Tag eine Erfahrung zu machen, die unser Leben reicher macht.

Der Vorsatz ist schnell gefasst, aber schon tauchen die ersten Hindernisse auf dem Weg auf: Im Fall Valentin Samanis sind es die Schmerzen in der Schulter und im Rücken, in anderen Fällen taucht von irgendwoher der nächste Stolperstein auf - oder es ist einfach der innere Schweinehund.
Dass wir stolpern ist okay. Aber wir müssen nicht unbedingt liegenbleiben. Stolpern ist nicht verwerflich, sondern menschlich – aber wenn wir haben die Wahl, was wir dann tun. Wir können liegenbleiben. Oder uns wie Valentin Samani etwas überziehen, ein Feuer entzünden und im ersten Morgenlicht unseren Kaffee genießen.

Treasure Islands of the Bookshelf (2): About the Uniformity of the Everyday Life and the Longing of the Heart



Up next I want to introduce my favourite book to you, which I mentioned last week briefly: The Journey between Night and Morning from Rafik Schami. If I had to choose one single book to take it with me to a lonely island, it would be this one.
Rafik Schami tells in this book the story of the former circus director Valentine Samani, who settled down in the house of his grandfather which served earlier to that one as winter quarters. He is friends with the young postwoman Pia who brings him one day a letter of his childhood friend Nabil. Therein Nabil requests him to allow him to travel with his circus through Arabia, and he would pay the journey for him and his circus.
One of the specific features of this story is that Valentine and Nabil gather at the so called nighmorn, the time “when the night prepares to leave and the morning hasn’t yet arrived. The colour of the night, it tastes already like morning.” At this time they sit together and share stories of their childhood, the last forty years and what they discovered about the secret life of Valentine’s mother.
I’m fond of this story – aside from Rafik Schami’s unique narrative style – because it weaves together again and again the different time levels: It takes place in the present, explores and reflects the past and sets out for the future.

The passage I choose for you today is at the beginning of the book, just before Valentine got this remarkable letter.

Valentine Samani has, like since many years, awoken at five in the morning. His sleep became from bad to worse. It is said that when you’re getting old you’ll sober down, but Valentine became from year to year more fitful. With increasing frequency he awoke with a start during the night, wide awake, even if he barely slept an hour. And it took long till he could go back to sleep. He slept no more than five hours per night and during the day he suffered of increasing fatigue. But first of all, with growing older he was bothered by his increasing sensitivity concerning noises. Already a blast of air, a loud hissing of a cat or severe rain could awaken him. “I must be going a hen”, he cried in the shoulder of the tamer Martin, “I wake up with them and fall asleep with them and am as easily scared as them.” …
On cold days, Valentine used to put the light over his bed on, take a book from his bedside locker and read at first for one or two hours. He hated nothing on earth as much as the cold; he inherited that from his parents. Anyway, all circus people hated the cold. In winter the tent doesn’t get warm enough, they cannot perform and the animals feel cold. If Valentine thought about the winter, barely well things came to cross his mind. In December one year ago his wife Victoria passed, and two weeks afterwards his favourite lion Hannibal become ill of a lung inflammation because of the rigorous iciness. Despite of the expensive treatment he couldn’t have been saved. …
On this icy morning Valentine lay in his bed, and curiously his eyes glowed because of his excitement. A dream prompted the longing in his heart: He sat on a white bench in a park and suddenly he saw his wife Victoria in the distance, she sat under a weeping willow. She wore the blue velvet dress he gave her for present in Athens. She smiled to him and then turned away. He wanted to get up to go to her, but he couldn’t. “You have to free yourself!” she called out to him and stacked her beautiful arms towards him. He straightened himself, but it was difficult for him to do so; again and again he weary fell back even as he was bound with elastic bands to the bench. “Become younger!” Victoria shouted to him. Then he took a deep breath, made an effort and at a stroke he felt strong like a mountain. His wife cheered. The bands which had bounded him ruptured and he moved on. Then the wonder happened: With every step he became younger. At first he didn’t realise it, but soon he felt fresh like he hadn’t been feeling long before and shortly afterwards like fourteen year old boy. Victoria became not only younger, but she assimilated step by step more to the postwoman Pia, and as he finally fell into her arms she was nobody else than the postwoman herself. He kissed her and her mouth flavoured of peppermint. It was his first kiss since the year dot.
Valentine happily smiled; eventually a dream that hasn’t ended boringly. He lay under the blanket and reflected. Why shouldn’t he become younger from day to day? Perhaps that was the only way to keep death at distance. All his relatives wondered that he outlived his wife, because it was a rule in the Samani family that the men died first, then the women. …
In the year after her dead he has aged rapidly. He laughed fewer and fewer and felt that his life passed quicker and quicker before his eyes. That one year seemed to him like ten before. Hardly he could explain trustworthy his permanent weariness and sluggishness with the weather and the running-down business. But he couldn’t hide the skin at his throat. It has become saggy and hung downwards as to demonstrate the force of gravity; when he in the morning took a look in the mirror he was scared each time anew. The fire of the earlier years seemed for him to be lost forever.
But only to that hour in the daybreak as he awakened from his lovely dream. He felt completely changed. There was yet so much to explore and to learn. “You have to get rid off all the daunting things and raise yourself light as a bird” he said and threw the blanket away. “From this day on I become younger day-to-day” he spoke as loud as to tell it to somebody in the room and straightened himself. But the rheumatism in his left shoulder gave a shout with a dragging pain, and like that had aroused the intervertebral discs they thrusted like little knifes into his spinal cord. His face twitched. He slipped his cardie over the pyjama, wandered off to the window and raised the blind. He knew that it was still dark outside, but he leastwise wanted to grant to his bedroom the touch of dawn that the window could wring of the grey sky.
The kitchen was icy, in the light of the kitchen lamp he looked onto the thermometers outside at the window: -8°C. But instead of cursing like otherwise he rubbed his hands and hurried to the stove. Whistling he brew coffee and out he got cookies and a big red candle of the kitchen cupboard. So he wanted to celebrate his new life. The way back to his youth and the struggle against death. Too early we give up our life. Death is brutal and mighty, but all the brutal and mighty ones can be deceived with a trick. It won’t be bad to wangle like that a few years off stingy death, Valentine thought and slurped his hot coffee with relish.

Samani failed, lost again and again money, his livelihood, even his woman. Nevertheless he stayed true to his main values, even if he kept sight of some of them: He still cares for his old animals, keeps at any rate a bit in touch with his artists. Notwithstanding he is not really happy with the life in which he got along – in the winter quarters of his grandfather, surrounded by settledness and stagnation, the visits of the postwoman Pia as only highlight - , but rather makes his way hand over hand from day to day. As long as he dreams in that night of his passed away wife who encourages him to take matters about his life again in his hands.

To become every day a bit younger – doesn’t that sound compelling?
But how does it work?
Contradicts becoming younger not all what seems logical to us?

For sure we cannot change ourselves into a four-year-old, and perhaps we don’t want it at all. Or to live again the life we had with fourteen, twenty-four or thirty-four.
But at some time or another a lot of us got along with the life that we live, originally there may have been good reasons for it – the job, the money, the family, the life by itself, whatever. But are the reasons for which we live that life today are the same ones that it has been at these times? Or did we simply get along with it because it has become so comfortable and every change would bother us?
Yes, such a life has some merit. A certain time of drawback after a time full of challenges or disappointments is okay. And some situation may seem so messy that you think: “Heaven! How on earth can I get out of this?” But dwell there? Where has the longing of our heart gone with all of that?
We are not able to change our complete life at a stroke, and in many cases it won’t be good to do so. But we can in fact do something. To become every day a bit younger means to add every day a detail to our life which makes it more worthy to live, which adds colour, appeals to our senses, lets blossom our heart. That can be little, but even bigger things: Sniffing consciously at the blossoms which cross our way, listening to the morning greeting of the birds, walking a new way, buying the bread somewhere else or baking it ourselves, establishing new contacts or renewing old ones. To become every day a bit younger means to make every day an experience that makes our life richer.

The resolution is made quickly, but already the first obstacles emerge on the way: In the case of Valentine Samani that are the pains in his shoulder and back, in other cases emerges from somewhere the next sticking point – or it is simply one’s weaker self.
It is okay to stumble. But we don’t have to stay lying down. Stumbling is not condemnable, but human – but we have the choice what to do then. We can stay lying down. Or we can like Valentine Samani slip something one, light a fire and enjoy our coffee in the first light of the day.

Sonntag, 23. August 2015

Schatzinseln des Bücherregals: Über den Tod als Bestandteil des Lebens



Resilienz und Salutogenese nicht nur Theorien, sondern können auch ganz praktisch erworben werden, vor allem was die Bereiche der Verstehbarkeit, Bewältigbarkeit und Sinnhaftigkeit des Lebens angeht. Eine Möglichkeit dies zu erreichen ist der Weg über Geschichten, einerseits persönlich erzählte Geschichten, andererseits gelesene Geschichten, die im Kopf des Lesers das Bild einer ganz persönlichen Variante der Geschichte des Autors entstehen lassen.

Rafik Schami (geboren 1946 in Damaskus, Syrien) erzählt in seiner Reise zwischen Nacht und Morgen von dem Zirkusdirektor Samani, der sich aus jedem Buch, das er gelesen hat, einen Abschnitt in ein Schulheft herausschreibt und so einen Schatz seiner liebsten Stellen bewahrt. Ich finde, das ist eine wunderbare Idee!

Jetzt lasst uns auf Entdeckungsreise gehen und schauen, welche Schätze sich in unseren Bücherregalen verbergen!

Beginnen möchte ich heute mit einer Stelle aus Thomas Manns (1875, Lübeck - 1955, Zürich) Zauberberg. Das Buch spielt in einem Sanatorium in den Schweizer Alpen, in dem Lungenkranke behandelt werden und einige davon im Lauf der Zeit auch sterben.

Wir gehen oft davon aus – oder verhalten uns zumindest so – als wäre unsere Zeit in diesem Leben unerschöpflich. Wir können kaum ermessen, wie voll unser eigenes Zeitglas noch ist – aber wenn wir Zeuge davon werden, wie das Zeitglas eines anderen abläuft, werden wir uns dessen gewahr, dass auch uns nicht mehr alle Zeit der Welt bleibt, bevor wir unseren Ahnen folgen.

An dieser Stelle des Zauberbergs befasst sich nun Hans Castorp, ein junger Schiffsbautechniker, damit, dass der ständig gegenwärtige Tod im Sanatorium wohl den Charakter der Menschen in besonderer Weise prägen müsse und einem dadurch die materialistisch geprägte Welt fremd werde. Daraufhin entgegnet ihm sein väterlicher Freund Ludovico Settembrini:

Gestatten Sie mir, Ingenieur, Ihnen zu sagen und Ihnen ans Herz zu legen, dass die einzig gesunde und edle, übrigens auch – ich will das ausdrücklich hinzufügen – die einzig religiöse Art, den Tod zu betrachten, die ist, ihn als Bestandteil und Zubehör, als heilige Bedingung des Lebens zu begreifen und zu empfinden, nicht aber – was das Gegenteil von gesund, edel,  vernünftig und religiös wäre – ihn geistig irgendwie davon zu scheiden, ihn in Gegensatz dazu zu bringen und ihn etwa gar widerwärtigerweise dagegen auszuspielen. Die Alten schmückten ihre Sarkophage mit Sinnbildern des Lebens und der Zeugung, sogar mit obszönen Symbolen, – das Heilige war der antiken Religiosität ja sehr häufig eins mit dem Obszönen. Diese Menschen wussten den Tod zu ehren. Der Tod ist ehrwürdig als Wiege des Lebens, als Mutterschoß der Erneuerung. Vom Leben getrennt gesehen, wird er zum Gespenst, zur Fratze – und zu etwas noch Schlimmerem. Denn der Tod als selbständige geistige Macht ist eine höchst liederliche Macht, deren lasterhafte Anziehungskraft zweifellos die gräulichste Verirrung des Menschengeistes bedeutet.

Wenn der Kreislauf des Lebens eine so natürliche Sache ist – warum nur tun wir uns dann so schwer damit Abschied zu nehmen?
Ja, wir wissen, dass wir die Gegangenen in unserem Herzen bewahren können, dass sie niemals ganz fort sind, dass die Zeit der ärgsten Trauer vorübergeht, dass wir uns an viele Momente in Dankbarkeit erinnern können. Wir denken, dass es ihnen dort, wo sie jetzt sind, gut geht, konnten vielleicht sogar Zeuge davon werden, wie sie von jemandem aus der anderen Welt abgeholt und auf ihrem Weg begleitet wurden, hoffen, dass wir sie dort dereinst wiedersehen.
Aber warum zerreißt es uns schier das Herz, wenn wir von jemandem „für immer“ Abschied nehmen, ihn oder sie endgültig loslassen müssen?
Warum zerbricht etwas in uns, wenn uns auf einmal Zusammenhänge klar werden, die wir vorher noch nicht einmal geahnt haben und vielleicht keine Gelegenheit mehr hatten diese auszusprechen?

Wir haben uns in unserem Leben eingerichtet.
Wir mögen es, wenn unser Leben nach bestimmten Regeln funktioniert, Rituale immer wiederkehren, Personen, Orte und Abläufe uns Sicherheit geben.
Wir hängen an Personen, die unserem Leben eine bestimmte Bedeutung geben, an Abläufen und Orten, die damit in Verbindung stehen, an Dingen, die durch sie eine bestimmte Bedeutung gewonnen habe.
Diese Zusammenhänge machen unser Leben emotional sicherer, lassen es überschaubar wirken, hüllen uns in einen Kokon ein.
Unsere Welt ist vielfältig, wird immer unüberschaubarer – da ist uns unsere Sicherheit heilig.
Wir lieben es, wenn die Welt heil ist – oder wenn es zumindest den Anschein hat als wäre es so.
Denn wenn das Sicherheitsgefüge Risse bekommt, könnte es ja passieren, dass wir uns auf immer dünnerem Eis bewegen, könnte es sein, dass wir einbrechen, dass unser ganzes Gefüge zusammenbricht, dass wir den Halt verlieren, dass wir ins eisige Wasser einsinken – und dann?
Wer sind wir, wenn wir nackt und bloß in diese chaotische Welt geworfen sind?
Wer oder was schützt uns davor, uns in diesem heil-losen Tohuwabohu zu verlieren, wenn wir halt-los geworden sind?

Hier gibt es für mich nur eine mögliche Antwort:
Wir können nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.
Egal, welche Brücken, Netze und Eisdecken auch brechen, egal, wie verlassen und orientierungslos wir uns auch fühlen, egal wie tief wir fallen – er – oder sie – ist da, vermag zu halten, zu tragen, Geborgenheit und Liebe zu schenken, auch durch das tiefste Tal mitzugehen. Bisweilen auch in der Gestalt anderer Menschen.
Diese große, im Letzten unbegreifliche Macht umhüllt uns, fängt uns auf wie eine Hängematte oder ein letztes Sicherheitsnetz und vermag uns aufs Tiefste in unserem Inneren zu berühren.
Doch es erfordert Mut, sich diesem unergründlichen Geheimnis, von dem wir immer nur einen Teil verstehen können, anzuvertrauen, denn dafür müssen wir Kontrolle aufgeben, müssen wir loslassen, die Führung einem anderen überlassen.
Doch wenn wir es wagen, wenn wir uns ganz in die Hände dieser numinosen Macht geben und uns von ihr tragen lassen, dann können wir wie der Phönix aus der Asche erstehen, aus der Tiefe emporgehoben werden und zu neuem Leben geboren werden – als gleicher Mensch und doch verändert, erneuert durch die Erfahrung des Todes, durch das Hindurchgehen durch ein dunkles Tal in das Licht eines neuen Sonnenaufgangs.
Und wenn wir uns von diesem Glauben getragen wissen, dann können wir auch die Gegangenen loslassen, können sie ihren eigenen Weg in die andere Welt gehen lassen und uns trotzdem mit ihnen verbunden wissen.

Treasure Islands of the Bookshelf: About Death as a Component of Life



Resilience and salutogenesis are not only theories, but can in practice be acquired, too – especially with regard to the comprehensibility, manageability and meaningfulness of life. One possibility to achieve this is the way through stories, on the one hand personally told ones, on the other hand read ones, these give in the head of the reader rise to an image of the personal version of the author’s story.
 
Rafik Schami (born 1946 in Damaskus, Syria) tells in his Reise zwischen Nacht und Morgen (Journey between Night and Morning) of the circus director Samani who writes from every book he read one paragraph out into an exercise book and preserves so a treasure of his favoured passages. I love that idea!

Now let us make a journey of discovery and have a look what treasures hide in our bookshelves!

I want to start today with a passage of Thomas Mann’s (1875, Lübeck, Germany - 1955, Zurich, Switzerland) Zauberberg (The Magic Mountain). The book takes place in a sanatorium in the Swiss Alps where persons suffering from lung diseases are treated and some of them decease over the time.

We often assume that – or at least behave like that – as if out time in this life would be inexhaustibly. We can barely conceive how full our own glass of time still is – but when we witness how the glass of time of another one passes we become aware that even to us stays not all time in the world before we have to follow our forebears.

At this passage of the Zauberberg Hans Castorp, a young naval engineer, now deals with the perception that the constantly existent death in the sanatorium seems to influence the character of the people in a certain way and that it seems the materialistic shaped world to become strange. Subsequently his fatherly friend Ludovico Settembrini counters:

Allow me, engineer, to say to you and to entrust you that the only healthy and noble, for that matter – I want explicitly add this – the only religious way to contemplate death is the one to conceive and sense it as a component and a complement, as a holy condition of life, but not – what would be the opposite of healthy, noble, reasonable and religious – to separate it intellectually somehow from that, to bring it in contrast to that and to display it detestably against it. The elderly adorned their sarcophagi with emblems of life and conception, even with obscene symbols, – the divine was in antique religiosity very often one with the obscene. The people knew how to honour death. Death is sacred as a cradle of life, as a womb of renewal. Seen separated of life it becomes a spectre, a travesty – and something even worse. Because death as independent spiritual force is a very dissolute force whose licentious attraction undoubtedly implies the most dreadful aberration of the human mind.

If the circle of life is such a natural thing – why oh why do we make such a heavy weather with saying farewell?
Yes, we know that we can store the passed ones in our hearts, that they are never completely gone, that the time of the worst grief will pass, that we can remember many moments in gratitude. We think that they are well where they are now, maybe we could have witnessed how they were fetched from somebody of the other world and were squired on their way, hope that we will meet there one day.
But why does it almost tug at our heartstrings if we have to bid farewell “forever” to somebody, to have to release him or her once and for all?
Why does something in us cracks into pieces when suddenly coherences fall into place which we not even guessed before and perhaps had no more opportunity to vocalise them?

We got along in our lives.
We estimate it if our life works under certain rules, rituals recur again and again, persons, places and procedures give us safeness.
We are attached to persons who give a certain meaning to our life, to procedures and places which are related to them, to things which gained a certain meaning through them.
These coherences make our life emotional safer, let it seem more manageable, wrap us in a cocoon.
Our world is diverse, becomes more and more unmanageable – here our safeness is holy to us.
We love it if the world is whole – or if it at least affects to be so.
For if the framework of safeness forms cracks, it could happen that we move on more and more thinner becoming ice, it might be that we fall through, that our complete framework collapses, that we lose our footing, that we sink into the icy water – and then?
Who are we if we are thrown into this chaotic world, naked and bare?
Who or what shelters us from losing ourselves in this hopeless tohubohu if we have become adrift?

Here is for me the only possible answer:
We cannot fall farther as in the hands of God.
No matter what kind of bridges, nets and ice coverings may collapse, no matter how abandoned and disoriented we may feel, no matter how deep we may fall – he – or she – is there, is capable of holding, sustaining, giving caring and love, even accompanying us through the deepest valley. Now and then even in the shape of other people.
This great force which is finally beyond our grasps enwraps us, rescues us like a hammock or a last safety net and is capable to touch us deeply in our interior.
But that requires our bravery, the bravery to entrust ourselves to that unfathomable mystery from which we only ever can understand a part, because we have to give up control for that, we have to release, to leave the guidance to somebody else.
But if we risk it, if we give ourselves completely in the hands of this numinous force and let us bear from it, then we can rise like a phoenix from the ashes, being raised up from the deep and be born to a new life – as the same person that we used to be but changed, renewed through the experience of death, through the passing through a dark valley into the light of a new sunrise.
And if we know ourselves walked by that faith, then we can release the passed ones, can allow them to go their way into the other world and to know ourselves still related with them.