Sonntag, 13. September 2015

Schatzinseln des Bücherregals (3): Über die Feiglinge, die Tapferen und die größte Gabe von allen #BloggerFuerFluechtlinge



Auch heute soll es wieder um einen Gescheiterten gehen und wie er sein Scheitern bewältigt – oder zumindest so, wie der Autor diese Geschichte sieht.
In Der Fünfte Berg erzählt Paulo Coelho (geboren 1947 in Rio de Janeiro, Brasilien) seine Version der Geschichte des alttestamentlichen Propheten Elia: Elia hat Tod und Verfolgung gesehen, hat gesehen, dass er überlebte – als Einziger.
Er hat sich dabei auseinander gesetzt mit der Frage, wie er mit seinen göttlichen Visionen umgehen soll, wer Gott ist, ob er gut oder böse ist oder welche Rolle er im Leben der Menschen spielt.
Und im Endeffekt muss er sich auch damit auseinandersetzen, ob er wieder sein Leben riskieren und dem göttlichen Auftrag folgen soll oder ob er lieber ein sicheres Leben führt – sicher aber mit dem Gefühl versagt zu haben. Vor langer Zeit war er vor Verfolgung geflohen, hatte Grausames gesehen und war froh gewesen, mit dem Leben davongekommen zu sein. Er floh in eine andere Stadt und richtete sich dort ein, doch die Gedanken an das Erlebte ließen ihn nicht los.

Elia schreckte aus seinem Traum auf und blickte hoch zum Firmament. Das war die Geschichte, die ihm nicht eingefallen war!
Vor langer Zeit hatte der Patriarch Jakob seine Zelte aufgeschlagen, und jemand war in sein Zelt gekommen und hatte mit ihm bis zur Morgenröte gekämpft. Jakob hatte den Kampf aufgenommen, obwohl er wusste, dass sein Gegner der Herr war. Als es Tag wurde, war er immer noch unbesiegt. Und da hatte Gott ihn gesegnet.
Sie wurde von Generation zu Generation weitergegeben, damit niemand vergaß: Manchmal ist es notwendig, mit Gott zu kämpfen. Alle Menschen mussten irgendwann in ihrem Leben ein Unglück durchmachen. Es konnte die Zerstörung einer Stadt sein, der Tod eines Kindes, eine unbegründete Anklage, eine Krankheit, die sie für immer zu Invaliden machte. In diesem Augenblick forderte sie Gott heraus, sich ihm zu stellen und ihm seine Frage zu beantworten: „Warum klammerst du dich so sehr an ein kurzes Leben voller Leiden? Welchen Sinn hat dein Kampf?“
Der Mensch, der darauf keine Antwort hatte, schickte sich dann darein. Während der andere, der für sein Leben einen Sinn suchte, sein eigenes Schicksal herausforderte, weil er fand, dass Gott ungerecht gewesen war. Das war der Augenblick, in dem ein anderes Feuer vom Himmel herabkam – nicht jenes, das tötet, sondern jenes, das die alten Mauern einreißt und jedem Menschen seine wahren Möglichkeiten gibt. Die Feiglinge lassen niemals zu, dass ihr Herz von diesem Feuer entflammt wird. Sie wollen nur, dass alles wieder so wird wie vorher, damit sie so leben und denken können, wie sie es gewohnt waren. Die Tapferen jedoch werfen alles, was alt war, ins Feuer und geben, wenn auch unter Schmerzen, alles auf, sogar Gott, und schreiten voran.
„Die Tapferen sind immer starrsinnig.“
Vom Himmel lächelte der Herr zufrieden – weil es genau dies war, was Er wollte, nämlich dass jeder die Verantwortung für sein Leben in die eigenen Hände nahm. Schließlich war dies ja die größte Gabe, die er Seinen Kindern gegeben hatte: Die Fähigkeit, selbst zu wählen und zu bestimmen.
Nur Männer und Frauen mit der heiligen Flamme im Herzen hatten den Mut, sich Ihm zu stellen. Und nur sie kannten den Weg, der zurück zu Seiner Liebe führte, weil sie am Ende begriffen hatte, dass Unglück keine Strafe, sondern eine Herausforderung war.

Die Feiglinge und die Tapferen?
Die Feiglinge wollen sich in die altbekannte Sicherheit zurückziehen und Veränderung nicht zulassen, denn Veränderungen machen Angst und werden deshalb besser vermieden.
Die Tapferen sehen den Veränderungen ins Gesicht, sehen das sich ändernde Leben als Herausforderung, denn sie betrachten Herausforderungen als Anlass zum Reifen und nicht als Untergang.
Die größte Gabe von allen ist hierbei, selbst wählen und bestimmen können, sich nicht einem Schicksal verpflichtet sehen zu müssen, und die Erkenntnis von Gut und Böse bzw. des rechten und des falschen Weges jeden Tag wieder neu umsetzen zu können.
Dabei ist der Unterschied zwischen feige und tapfer ist nicht immer leicht zu treffen, de facto bewegen wir uns wohl zwischen diesen beiden Polen. Verharren ist nicht immer schlecht, und weitergehen ist nicht immer gut. Aber es erfordert Weisheit, beides voneinander zu trennen und in der rechten Situation den rechten Entschluss zu treffen. Dem rechten Entschluss des Tapferen geht das Ringen mit Gott darum voraus, was richtig und was falsch ist, und das Durchdringen der Gründe für den Entschluss. Warum entscheide ich mich so? Erkenntnisleitendes Interesse ist hierbei die Frage: Ist diese Entscheidung lebensfördernd? Oder hält sie mich in Erstarrung, in Leblosigkeit, und hindert meine Weiterentwicklung?

Wir entscheiden uns immer wieder.

Paulho Coelho hat sich entschieden, die Geschichte von Elia so und nicht anders zu erzählen.

Die vielen Flüchtlinge, die derzeit auch zu uns kommen, haben sich entschieden, nicht zu warten, bis sie der Tod ereilt oder die Grausamkeiten des Alltags sie auffressen, sondern ihre Heimat, ihren Lebenskontext, ihre vormalige Sicherheit, ihr soziales Netz zu verlassen und ihr Glück anderswo zu suchen.

Auch dieser Blog war eine Entscheidung, und er ist es mit jedem neuen Artikel wieder.
Es ist die Entscheidung, das aufzugreifen, was in der Luft liegt, Fäden zu verweben, Eigenes zu teilen, ein Stück weit zu begleiten, Gedanken und Entwicklungen anzuregen.

Immer wieder neu, manchmal wie ein Stern in dunkler Nacht, manchmal wie ein neuer Morgen, manchmal wie ein kleines Licht neben Euren Lichtern. Und hoffentlich auch wie die heilige Flamme im Herzen, die zu Gottes Liebe zurückführt.

Mögen Euch meine Artikel durch die ein oder andere dunkle Nacht bringen.




Reinhard Mey: Ich bring dich durch die Nacht

Die Schatten werden länger
Der graue grame Grillenfänger streicht um das Haus
Der Tag ist aus.

Die Ängste kommen näher
Sie stell’n sich größer, krall’n sich zäher in der Seele fest
In deinem Traumgeäst.

Manchmal ist es bis zum anderen Ufer der Nacht
Wie ein lichtloser Tunnel, ein nichtendenwollender Schacht.

Ich bring dich durch die Nacht, ich bring dich durch die raue See.
Ich bring dich durch die Nacht, ich bringe dich von Luv nach Lee.
Ich bin dein Lotse, ich bin dein Mann,
Bin deine Schwester, komm und lehn dich an,
Ich bin der Freund, der mit dir wacht,
Ich bring dich durch die Nacht.

Vieles erscheint dir schwerer,
Bedrohlicher und hoffnungsleerer mit der Dunkelheit
Kommen aus dunkler Zeit.

Ferne Erinnerungen
Die Nacht wispert mit tausend Zungen, sie sind alle aus
Du bist allein zu Haus.

Mit deiner stummen Verzweiflung und dem Knistern im Parkett
Und als einzigem Trost das warme Licht des Radios an deinem Bett.

Ich bring dich durch die Nacht …

Lass los, versuch zu schlafen
Ich bring dich sicher in den Hafen, dir kann nichts gescheh’n,
Wolfsmann und böse Feen

Sind nur ein Blätterreigen
Vorm Fenster der Wind in den Zweigen im Kastanienbaum,
Ein böser Traum.

Der’s nicht wagt wiederzukommen bis der neue Tag beginnt
Lass los, ich halte dich fest, ich kenn den Weg aus dem Labyrinth.

Ich bring dich durch die Nacht …


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