Sonntag, 20. September 2015

Schatzinseln des Bücherregals (4): Über das Festhalten und das Loslassen #BloggerFuerFluechtlinge



Letzte Woche haben wir uns mit einem Gescheiterten beschäftigt. Heute geht es um eine Frau, der etwas gelang, weil sie eine gefährliche Entscheidung getroffen hatte.

Die chinesische Journalistin und Schriftstellerin Xue Xinran (geboren 1958 in Peking, China) erzählt in Verborgene Stimmen von den Schicksalen chinesischer Frauen. Kurz bevor ihr erstes Manuskript veröffentlicht wurde, kam sie in eine bedrohliche Situation:

Ich war am 3. November um 9 Uhr auf meinem Heimweg von einer Abendklasse, die ich an der Schule für Orientalische und Afrikanische Studien der Londoner Universität unterrichtet hatte. Als ich aus der U-Bahn-Station Stanford Brook in die dunkle Herbstnacht hinausging, hörte ich hinter mir ein Geräusch. Ich hatte keine Zeit um zu reagieren, bevor mich jemand heftig gegen den Kopf schlug und mich zu Boden stieß. Instinktiv hielt ich meine Handtasche enger fest, die das einzige Exemplar dieses Buches enthielt, das ich gerade fertig geschrieben hatte. Aber mein Angreifer ließ sich nicht beirren.
„Gib mir deine Tasche“, schrie er immer wieder.
Ich kämpfte mit einer Stärke, von der ich gar nicht wusste, dass ich sie besaß. In der Dunkelheit konnte ich kein Gesicht erkennen. Ich nahm nur wahr, dass ich mit einem Paar starker unsichtbarer Hände rang. Ich versuchte mich selbst zu schützen und zur gleichen Zeit dorthin zu treten, wo ich seine Leistengegend vermutete. Er trat zurück und ich spürte stechende Schmerzexplosionen in meinem Rücken und in den Beinen, und ich hatte den salzigen Geschmack von Blut in meinem Mund.
Passanten begannen rufend in unsere Richtung zu laufen. Schnell war der Mann von einer wütenden Menge umringt. Als ich auf meine Füße taumelte sah ich, dass er über einen Meter achtzig groß war.
Später fragte mich die Polizei, weshalb ich mein Leben riskiert hatte, indem ich um die Tasche kämpfte.
Zitternd und unter Schmerzen erklärte ich: „Ich hatte mein Buch darin.“
„Ein Buch?“ rief ein Polizist aus. „Ist ein Buch mehr wert als ihr Leben?“
Natürlich ist das Leben wichtiger als ein Buch. Aber in so vieler Hinsicht war mein Buch mein Leben. Es war mein Zeugnis für die Leben der chinesischen Frauen, das Resultat vieler Jahre Arbeit als Journalistin. Ich wusste, dass ich leichtsinnig gewesen war: Wenn ich das Manuskript verloren hätte, hätte ich es noch einmal schreiben können. Dennoch war ich mir nicht sicher, ob ich noch einmal die extremen Gefühle durchstehen könnte, die das erneute Schreiben dieses Buches provozieren würde. Es war schmerzvoll gewesen, die Geschichten der Frauen, die ich getroffen hatte, nachzuvollziehen, und es war noch härter, meine Erinnerungen zu sortieren und die richtige Sprache zu finden um sie auszudrücken. Während ich für diese Tasche gekämpft hatte, hatte ich meine Gefühlte verteidigt und die Gefühle der chinesischen Frauen. Das Buch war das Resultat so vieler Dinge, die, einmal verloren, niemals wieder gefunden werden könnten. Wenn man in seine Erinnerungen siehst, öffnet man eine Türe in die Vergangenheit; die Straße dorthin hat viele Abzweigungen, und der Weg ist jedes Mal ein anderer.

Xinran rettete die Geschichten vieler chinesischer Frauen und riskierte dafür ihr Leben – wäre die Menge nicht eingeschritten, hätte sie es dabei durchaus verlieren können.
Die Flüchtlinge, die uns in diesen Tagen erreichen, haben entschieden, was ihnen so wichtig ist, dass sie ihr Leben dafür riskieren, um es zu riskieren – oder sie haben gesehen, was sie oder ihre Nachbarn alles verloren haben.
Was wäre uns so viel wert, dass wir dafür unser Leben riskieren würden?

Wer bei den vielen Nachrichten und Facebook-Posts über Flüchtlinge und den Syrien-Konflikt nicht mehr weiß, wo bei dieser Geschichte vorne und hinten ist, dem sei dieses Video empfohlen. 

Radiosendungen speziell für Flüchtlinge gibt es hier (auf Deutsch, Englisch und Arabisch). 

Wer gegen eine Verschärfung des Asylrechts unterschreiben will, kann das hier tun.

Und auf http://www.blogger-fuer-fluechtlinge.de/ findet ihr viele weitere Links zum Thema Geld bzw. Sachen spenden, vor Ort helfen oder zum Teilen der Botschaft.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen