Sonntag, 27. September 2015

Schatzinseln des Bücherregals (5): Über die Hölle – und den Himmel #BloggerFuerFluechtlinge



Wie ist das mit der Hölle – besteht sie aus einem großen Feuer, in dem man brennen muss, große körperliche Qualen erträgt und lauter kleine rote Teufel um einen herumhüpfen? Und ist sie für alle gleich?
Diesen Fragen geht der Philosoph und Schriftstellers Jean-Paul Sartre (1905-1980, Paris, Frankreich) in seinem 1944 uraufgeführten Theaterstück Geschlossene Gesellschaft nach.
Drei Menschen, die sich im Leben nie begegnet sind – der Journalist Garcin, die Postangestellte Inés und die wohlhabende Estelle – sind zusammen in einem Zimmer eingeschlossen und realisieren langsam aber sicher, dass sie da auch nicht mehr herauskommen, so z.B. Inés:

Es gibt keine körperliche Folter, nicht wahr? Und doch sind wir in der Hölle. Und niemand darf kommen. Niemand. Wir werden bis zum Ende allein zusammensein.

Am Anfang akzeptieren sie das, aber mit zunehmender Aufenthaltsdauer wird es für alle immer unangenehmer. Es kommt heraus, dass alle drei in der Hölle sind, weil sie in ihrem Leben andere Menschen gequält haben, und die Konfrontation mit dieser Wahrheit schmerzt. Teilweise so sehr, dass Garcin versucht, die Türe aufzubekommen und das Zimmer zu verlassen:

Aufmachen! Aufmachen! Ich nehme alles hin: Beinschrauben, Zangen, flüssiges Blei, Halseisen, alles, was brennt, alles, was quält, ich will richtig leiden. Lieber hundert Stiche, lieber Peitsche, Vitriol als dieses abstrakte Leiden, dieses Schattenleiden, das einen streift, das einen streichelt und das niemals richtig weh tut.

Doch dann setzt sich die Erkenntnis durch, dass es so ist und so bleiben wird: Dass sie eingeschlossen sind mit den anderen beiden und einander für alle Ewigkeit ertragen müssen. So sagt zum Schluss Garcin:

Ha! Ihr seid nur zwei? Ich dachte, ihr wäret mehr. Er lacht. Also das ist die Hölle. Ich hätte es nie geglaubt … Wisst ihr noch: Schwefel, Scheiterhaufen, Rost … Was für Albernheiten. Ein Rost ist gar nicht nötig, die Hölle, das sind die anderen.

Die Hölle, das sind die anderen.
Oder wir in unserer Auseinandersetzung mit uns selbst und den anderen.
Und jeder hat dabei seine eigene Hölle.

Doch im Hier und Jetzt sind wir nicht gezwungen, in dieser Hölle zu bleiben.
Wir haben die Freiheit, einzelne Dinge zu verändern oder auch ganze Lebenskontexte zu verlassen. Und wir haben die Freiheit zu entscheiden, ob wir selbst Himmel oder Hölle sind, für andere und auch für uns selbst.

Viele Flüchtlinge, die zu uns kommen, sind durch die Hölle gegangen. Sie haben Furchtbares erlebt, haben dann entschieden, diesem Zustand zu entfliehen und aufzubrechen in eine hoffentlich bessere Zukunft. Für manche war die Flucht eine weitere Hölle.
Jetzt ist es an uns zu entscheiden, was wir für sie sein wollen – Himmel oder Hölle?

Besonders deutlich zeigt diesen Unterschied ein Kinderbild, das in den letzten Tagen um die Welt ging: Es ist das Bild eines syrischen Flüchtlingskindes für die Bundespolizei, das deutlich den Unterschied zwischen der erlebten Hölle und dem danach wahrgenommenen Himmel zeigt.



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