Sonntag, 4. Oktober 2015

Schatzinseln des Bücherregals (6) – Über das Haben, das Teilen und die große Angst #BloggerFuerFlüchtlinge



Heute habe ich eine ganz besondere Geschichte für euch im Gepäck. Der Verfasser der Geschichte ist unbekannt, aber ich denke, er würde sich darüber freuen, welche Kreise sein Werk mittlerweile gezogen hat.

Es ist die Geschichte der kleinen Leute von Swabedoo. Swabedoo ist ein kleines Dorf, und die Swabedoodahs waren freundlich und liebten es, einander Pelzchen zu schenken, wenn sie einander begegneten. Sie drückten damit ihre Wertschätzung füreinander aus, und das machte sie glücklich. Doch in der Nähe des Dorfes lebte auch ein großer, grüner Kobold …

An einem Abend, als der große, grüne Kobold wieder einmal am Waldrand stand, begegnete ihm ein freundlicher kleiner Swabedoodah. „Ist heute nicht ein schöner Tag?“ fragte der Kleine lächelnd. Der grüne Kobold zog nur ein grämliches Gesicht und gab keine Antwort. „Hier, nimm ein warmes, weiches Pelzchen“, sagte der Kleine, „hier ist ein besonders schönes. Sicher ist es für dich bestimmt, sonst hätte ich es schon lange verschenkt.“ Aber der Kobold nahm das Pelzchen nicht. Er sah sich erst nach allen Seiten um, um sich zu vergewissern, dass auch keiner ihnen zusah oder zuhörte, dann beugte er sich zu dem Kleinen hinunter und flüsterte ihm ins Ohr: „Du, hör mal, sei nur nicht so großzügig mit deinen Pelzchen. Weißt du denn nicht, dass du eines Tages kein einziges Pelzchen mehr besitzt, wenn du sie immer so einfach an jeden, der dir über den Weg läuft, verschenkst?“ Erstaunt und ein wenig hilflos blickte der kleine Swabedoodah zu dem Kobold hoch. Der hatte in der Zwischenzeit den Beutel von der Schulter des Kleinen genommen und geöffnet. Es klang richtig befriedigt, als er sagte: „Hab ich es nicht gesagt! Kaum mehr als 217 Pelzchen hast du noch in deinem Beutel. Also, wenn ich du wäre: ich würde vorsichtig mit dem Verschenken sein!“ Damit tappte der Kobold auf seinen großen, grünen Füßen davon und ließ einen verwirrten und unglücklichen Swabedoodah am Waldrand zurück.

Doch dabei bleibt es nicht, die Begegnung mit dem Kobold beginnt schon Kreise zu ziehen:

Vor seinem Haus in Swabedoo saß der kleine, verwirrte Swabedoodah und grübelte vor sich hin. Nicht lange, so kam ein guter Bekannter vorbei, mit dem er schon viele warme, weiche Pelzchen ausgetauscht hatte. „Wie schön ist dieser Tag!“ rief der Freund, griff in seinen Beutel und gab dem anderen ein Pelzchen. Doch dieser nahm es nicht freudig entgegen, sondern wehrte mit den Händen ab.
„Nein, nein! Behalte es lieber,“ rief der Kleine, „wer weiß, wie schnell sonst dein Vorrat abnimmt. Eines Tages stehst du ohne Pelzchen da!“ Der Freund verstand ihn nicht, zuckte nur mit den Schultern, packte das Pelzchen zurück in seinen Beutel und ging mit leisem Gruß davon. Aber er nahm verwirrte Gedanken mit, und am gleichen Abend konnte man noch dreimal im Dorf Swabedoohdah  zum anderen sagte: „Es tut mir leid, aber ich habe kein warmes, weiches Pelzchen für dich. Ich muss darauf achten, dass sie mir nicht ausgehen.“

Im Lauf von wenigen Tagen schlossen sich immer mehr Swabedoodahs dieser Verhaltensweise an. Mit dem Zurückhalten der Pelzchen nahm auch die Freundlichkeit der Swabedoodahs ab, sie wurden misstrauischer, zogen sich immer mehr zurück und sie fühlten sich in ihren Straßen zunehmend unsicher.


Wenn ich in diesen Tagen in die Nachrichten oder in Facebook schaue, fühle ich mich an diese Geschichte erinnert. Da ist die Rede von finanziell verwöhnten Flüchtlingen, davon, dass Deutschland in Kürze die ganze Welt aufnimmt oder – Hilfe! – vom Islam. Rationelle Argumente bringen da oft nicht weiter, bisweilen auch dann nicht, wenn politische Parteien oder Verbände belegen können, dass Flüchtlinge wirklich nicht in Geld schwimmen und Deutschland nicht die ganze Welt und auch nicht ganz Syrien aufnimmt. Und ganz ehrlich: Mir ist noch nie ein Muslim begegnet, der irgendwie bedrohlich oder über alle Maßen missionierend gewesen wäre. (Ganz davon abgesehen, dass lange nicht alle Syrer und anderen Flüchtlinge Muslime sind.)
Woher kommt nur diese Angst vor Muslimen, vor Fremden, vor „Über“-Flutung oder vor Veränderung an für sich?
Vielleicht liegt die Ursache darin, dass viele Menschen sich in ihrem eigenen Leben unsicher fühlen und – auch kleine – Veränderungen ihr Gleichgewicht zu bedrohen scheinen. Vielleicht geht die eigene Verwurzelung nicht so tief, so dass sie befürchten, von der Entwurzeltheit der Flüchtlinge mitgerissen zu werden.
Und vielleicht scheint ihnen Angst da angemessener zu sein als Mut.
Aber Angst war noch nie ein guter Ratgeber.
Wir könnten nicht nur etwas verlieren – wir könnten auch gewinnen, profitieren, als Einzelne und als Gesellschaft.

Früher hat man zu dieser Jahreszeit für die Ernte gedankt, heute ist uns der Sinn dieses Festes weitgehend abhanden gekommen. Vielleicht haben wir keinen Zugang zur Landwirtschaft mehr, aber wir können dankbar sein für das was wir haben und uns im letzten Jahr erarbeitet haben: Ein Dach über dem Kopf, angemessene Kleidung und Schuhe, einen Gemüsehändler und einen Supermarkt, eine Arbeit, Familie und Freunde, bestimmte berufliche Ziele …
Wenn ich wieder und wieder Nachrichten und Berichte über die Flüchtlingssituation hier und anderswo lese, bin ich dafür gleich doppelt dankbar.

Wer immer noch denkt, das wäre alles doch gar nicht so schlimm, dem sei dieser Artikel empfohlen.
Ausführlicher wird die Situation in der englischen Variante im Guardian dargestellt, da gibt es auch mehr Bilder dazu.

Wenn ich dann lese, dass eine katholische Kita die Aufnahme von Flüchtlingskindern verweigert und dazu noch nicht einmal Stellung beziehen will, fühle ich mich unweigerlich an diese Karikatur erinnert, die mich in den letzten Tagen über Facebook gleich mehrmals erreicht hat.

Nächstenliebe nur dann, wenn sie gerade genehm ist? Das hat meines Erachtens mit christlichen Werten nicht mehr viel zu tun, eher mit Egoismus oder Bequemlichkeit.

Aber es geht auch anders: Zum Beispiel der Refugeeguide, der Neulinge über übliche Verhaltensweisen und das öffentliche Leben aufklärt -  allerdings auf einem gehobenen sprachlichen Niveau. Er ist in Deutsch, Englisch, Französisch, Arabisch, Pashtu, Farsi, Serbisch, Albanisch und Mazedonisch zu lesen.
 
Oder der Beitrag eines Bloggers, der ernst gemacht hat: Marc Heckerts Bericht über sein erstes Mal in einer Aachener Essensausgabe und darüber, was ihn zu diesem Entschluss bewogen hat.
 
Ich möchte für heute schließen mit einem Gebet des heiligen Franz von Assisi (1181/82-1226), dessen Gedenktag wir heute feiern:

Möge Gott uns segnen
Mit Unbehagen bei einfachen Antworten, Halbwahrheiten und oberflächlichen Beziehungen,
So dass wir tief in unserem Herzen leben.

Möge Gott uns segnen
Mit Wut bei Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Ausnutzung der Menschen und der Erde,
So dass wir für Gerechtigkeit, Gleichheit und Frieden arbeiten.

Möge Gott uns segnen
Mit Tränen, vergossen für die, die leiden,
So dass wir unsere Hände ausstrecken um sie zu trösten und um ihren Schmerz in Freude zu verwandeln.

Und möge Gott uns segnen
Mit der Torheit zu denken, dass wir in unserer Welt einen Unterschied machen können,
So dass wir die Dinge tun, von denen andere sagen, sie könnten nicht getan werden.




Treasure Islands of the Bookshelf (6) – About Having, Sharing and the big Fear #BloggerFuerFlüchtlinge



Today, I bring a special story with me. The author is unknown, but I think he would be glad to know what circles his works have now cast.

It is the story of the little people of Swabedoo. Swabedoo is a little village, and the Swabedoodahs were friendly and loved it to give each other fleeces as a present when they met. They showed their appreciation with it, and that made them happy. But near the village lived a big, green kobold, too …

One night, when the big, green kobold stood at the edge of the woods again, he found a friendly, little Swabedoodah. “Isn’t it a wonderful day, today?” the little one asked, smiling. The green kobold just made a drab face and didn’t answer. “Here, take a warm, soft fleece,” said the little one, “this one’s especially beautiful. It’s surely meant for you, otherwise I had given it away already.” But the kobold didn’t take the fleece. First, he looked around to all sides, to be sure no-one was watching or listening. Then, he bent over to the little one and whispered in his ear: “Listen, don’t be so generous with those fleeces of yours! Don’t you know that, one day, you won’t have any fleeces left, if you just give away everything?” Surprised and a little helpless, the little Swabedoodah looked up to the kobold. Who had, in the mean time, taken the pouch of the little one’s shoulder and opened it. He sounded very satisfied, when he said: “Didn’t I tell you? Just hardly 217 fleeces you’ve got in your pouch – so, if I were you, I’d be careful giving them away!” And with that, the kobold went off, on his big green feet, and left behind a confused and unhappy Swabedoodah at the edge of the woods.

But there’s more to come, the encounter with the kobold already begins to cast circles:

In front of his home in Swabedoo the little, confused Swabedoodah sat, brooding. It didn’t take long, before an acquaintance passed by, with whom he had already exchanged many warm, soft fleeces. “What a beautiful day!” his friend exclaimed, reached inside his pouch and gave the other one a fleece. Who, however, didn’t accept it joyfully but warded it off with his hands. “No, no! You’d rather keep it,” the little one exclaimed, “who knows, how quickly your supply will decrease. One day, you’ll be without fleeces, just like that!” The friend didn’t get it, just shrugged, put the fleece back into his pouch and walked away, saying good-bye softly. But he took confused thoughts with him – and on the same night, in the village, one could hear three more times, how one Swabedoodah said to another: “I’m sorry, but I don’t have a warm, soft fleece for you: I have to be careful not to run out of them.”

In the course of a few days more and more Swabedoodahs came round with this mode of behaviour. With the withholding of the fleeces the kindness of the Swabedoodahs decreased, too, they became suspicious, backed down more and more and felt more and more uneasy in their streets.


If I look in these days into the news or into facebook, I feel reminded to that story. There is talk of financial spoiled refugees, of a Germany that hosts before long the whole world or – help! –of Islam. Rational arguments don’t really help, at times neither if political parties or organizations can prove that refugees truly don’t are rolling in money and that Germany don’t hosts the whole world, neither whole Syria. And, with all honesty: I never met a Muslim who had been threatening or beyond all measure missionizing. (Not to mention the fact that not by a long shot all Syrians and other refugees are Muslims.)
From where comes this fear of Muslims, of strangers, of “Over”-Flooding or of changes in and of itself?
Maybe the cause is that a lot of people feel uneasy in their own life and changes - even little ones – seem to threaten their balance.
Maybe their own rootedness is not so deep, so that they fear to be entrained by the deracination of the refugees.
And maybe fear seems to be more reasonable for them than courage.
But fear has never been a good advisor.
We cannot loose something alone – we can gain, we can profit, too, as individuals and as a society.

In former times at this time of the year the people thanked for the harvest – today the meaning of this feast has widely got lost. Maybe we have no more approach to the farming context, but we can be thankful for that what we have and for that what we worked for in the last year: A place to live, suitable clothes and shoes, a greengrocer and a supermarket, a labour, family and friends, certain vocational targets …
If I read again and again news and reports about the situation of the refugees here and elsewhere I am immediately twice as thankful for it.

Who still thinks that it’s not so bad, to those I recommend this article.

And if I read then about a Catholic nursery that refuses the hosting of refugee children and not even wants to take a stand on it (German article), then I feel inevitably reminded to this cartoon („Love your neighbour like yourself!“ – “And if he’s a refugee, or gay?” – “Do you have something with your ears?”) which reached me in the previous days a bunch of times through facebook.

Love of neighbour only then if it is agreeable? In my assessment that has no more to do a lot with Christian values, rather with selfishness or comfort.

But there is help for it. For example the refugeeguide which enlightens novices about common manners and the public life – albeit in a sophisticated linguistic level. It can be read in German, English, French, Arabic, Pashtu, Farsi, Serbian, Albanian and Macedonian.
 
Or the post of a blogger who took the gloves off: Mark Heckert’s report about his first time in a food distribution in Aachen, Germany, and about what induced him to do so (German article).

For today, I want to top off with a prayer of holy Francis of Assisi (1181/82-1226) whose feast day we celebrate today:

May God bless us
With discomfort at easy answers, half-truths and superficial relationships,
So that we will live deeply in our hearts.

May God bless us
With anger at injustice, oppression and exploitation of people and the earth,
So that we will work for justice, equity and peace.

May God bless us
With tears to shed for those who suffer,
So that we will reach out our hands to comfort them and change their pain to joy.

And may God bless us
With the foolishness to think that we can make a difference in our world,
So that we will do the things which others say cannot be done.