Sonntag, 6. Dezember 2015

Erinnerungen an At-Ta'ir - Episode 2: Der Weg der Meditation






Said war am nächsten Morgen früh aufgewacht und vor das Haus getreten. Er genoss die klare Aussicht und füllte seine Lungen mit der frischen Morgenluft. Dann ging er zu dem Brunnen vor dem Haus und spritzte sich einen Schwall des eiskalten Wassers ins Gesicht. Sofort fühlte er sich viel wacher und vitaler. So konnte ein Tag beginnen!
Kurz später gesellte sich Elvedin zu ihm, krempelte die Ärmel hoch, ließ Wasser über seine Arme laufen und kämmte sich mit nassen Händen durch die kurzen Haare.
„Die Nacht war kurz“, sagte er, „aber mit einem Schwall kaltem Wasser geht es doch gleich viel besser. Komm, wir holen uns in der Küche unser Frühstück und setzen uns in die Morgensonne!“
„Oh ja, das ist eine gute Idee.“
Die beiden verschwanden im Haus und kehrten schon bald mit Brot, Ziegenkäse, Oliven und einer Kanne Tee zurück. Elvedin goss ihnen beiden jeweils eine Schale Tee ein und beobachtete, wie Said seine Schale erst einen Moment still in den Händen hielt, bevor er trank.
„Hast du gebetet?“, fragte Elvedin.
„Wenn du es so nennen willst“, antwortete Said. „Wenn, dann war es ein stummes Gebet an den Schöpfer, denn dankbar bin ich in der Tat: Dafür, dass wir hier zusammensein können, und jetzt im Moment ganz besonders für diese Schale Tee. Ich bin dankbar dafür, dass sie mich nährt und meinen Geist klärt. Und ich bin davon überzeugt, dass diese Schale Tee für mich von einer Flüssigkeit aus Wasser und Teeblättern zu etwas Besonderem wird, wenn ich dafür dankbar bin.“
„Für einen Moment der Stille sind das ganz schön tiefgehende Gedanken.“
„In dem Moment der Stille habe ich diese Gedanken ja gar nicht, erst wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke. In dem Moment der Stille steige ich tief in mein Inneres hinein und betrachte dabei die Schale Tee in meinen Händen.“
„Ist das nicht ein Widerspruch?“
Said lachte. „Elvedin, das dachte ich am Anfang meiner Ausbildung auch, als mich Meister Mahir in die Meditation einführte. Zu Beginn erschien mir Vieles so unverständlich und es fiel mir unendlich schwer, mich darauf einzulassen, den Weg in meine eigene Tiefe zu gehen. Es hat ein Weilchen gedauert – vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass meine Haare in der Zwischenzeit etwas gewachsen waren.“
„Was sollte das mit deinen Haaren zu tun haben?“
„Wir durften uns während der Ausbildung die Haare nicht schneiden. Sie haben uns gesagt, unsere Sinne würden sich erweitern, wenn unsere Haare wachsen. Anfangs habe ich das für absoluten Blödsinn gehalten, aber mit der Zeit begann ich die Wirkung zu spüren.“
„Trägst du deine Haare deshalb länger als die meisten anderen Männer?“
„Ja, allerdings nicht mehr so lange wie früher. Ich finde des gut mehr als gewöhnlich zu spüren, aber man kann auch zu viel wahrnehmen. Deshalb beschränke ich meine Wahrnehmung, indem ich meine Haare auf einer bestimmten Länge halte und meistens zusammengebunden trage.“
„Das klingt irgendwie schräg, aber du scheinst davon wirklich überzeugt zu sein. Wie hat das deine Meditationserfahrungen verändert?“
„Zuerst habe ich gemerkt, dass mir die Versenkung immer leichter fiel und ich mich nicht mehr so leicht ablenken ließ.“
„Könnte es nicht einfach sein, dass du mit der Zeit geübter geworden bist?“
„Das bin ich sicherlich, aber die Haarlänge scheint trotzdem eine Rolle zu spielen. Mir wurden einmal in einem Kampf die Haare abgetrennt, danach fühlte ich mich beim Meditieren wie ein blutiger Anfänger.“
„Und weshalb meditierst du überhaupt? Weil du es in At-Ta’ir gelernt hast?“
„Es spielt sicher eine Rolle, dass es dort Teil des alltäglichen Trainings war, und liebgewordene Traditionen gibt man nicht gerne auf. Aber es bedeutet mir auch persönlich viel. Meditation hilft mir, den Weg in mein Inneres zu finden, innere Landschaften zu entdecken und als ich im vorigen Jahr so schwer verletzt war hat sie mir geholfen die Schmerzen besser zu ertragen.“
„Wie denn das?“
„Indem beim Meditieren die Äußerlichkeiten – und damit auch die Schmerzen – immer unwichtiger werden und man sich stattdessen auf einen Punkt weit im Inneren konzentriert und seine Schönheit sich entfalten lässt.“
„Mein Freund, ich glaube, du musst mir noch das ein oder andere beibringen.“
„Ja, gerne, ich bin ja noch eine Weile da. Aber nicht jetzt. Komm, lass uns den Tisch abräumen, sonst kommen wir heute zu gar nichts mehr.“
„Oh ja, die Ziegen warten auch schon darauf, dass ich sie ins Freie lasse und den Stall in Ordnung bringe. Begleitest du mich?“
„Aber gerne. Meine Mutter hatte früher auch Ziegen, ich mag diese Tiere einfach.“
„Davon musst du mir unbedingt mehr erzählen…“



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